Schweigt stille, plaudert nicht
Schweigt stille, plaudert nicht
Kaffeekantate, für Sopran (Lieschen), Tenor (Erzähler) und Bass (Schlendrian), Traversflöte, Streicher und Basso continuo
Der edle Mokka war im weltläufigen Leipzig des Barock der letzte Schrei verfeinerter Lebensart – zugleich jedoch ein von Theologen und manchen Ärzten angefeindetes, weil vermeintlich zur Sittenlosigkeit reizendes Modegetränk. Bachs bewährter Librettist Picander hat diese Konflikte 1732 in ein von Vater Schlendrian und Tochter Lieschen bestrittenes heiteres Drama verwandelt, das Bach kurz darauf für eine Aufführung seines im Zimmermann’schen Coffeehaus aufspielenden Collegium musicum vertonte. Aus Bachs einprägsamer Figurenzeichnung spricht die Lebenserfahrung des vielgeprüften Familienvaters, der dennoch seine Sympathie für das listig auf einen Bräutigam sinnende Lieschen nicht verleugnen kann. Dass der Thomaskantor die überraschende Schlusswendung selbst hinzugedichtet hat, ist nicht gesichert, würde aber zum feinen Humor und der eleganten Tiefgründigkeit dieser höchst charmanten Komposition passen.
Beschreibung
Kaffeekantate, für Sopran (Lieschen), Tenor (Erzähler) und Bass (Schlendrian), Traversflöte, Streicher und Basso continuo
Der edle Mokka war im weltläufigen Leipzig des Barock der letzte Schrei verfeinerter Lebensart – zugleich jedoch ein von Theologen und manchen Ärzten angefeindetes, weil vermeintlich zur Sittenlosigkeit reizendes Modegetränk. Bachs bewährter Librettist Picander hat diese Konflikte 1732 in ein von Vater Schlendrian und Tochter Lieschen bestrittenes heiteres Drama verwandelt, das Bach kurz darauf für eine Aufführung seines im Zimmermann’schen Coffeehaus aufspielenden Collegium musicum vertonte. Aus Bachs einprägsamer Figurenzeichnung spricht die Lebenserfahrung des vielgeprüften Familienvaters, der dennoch seine Sympathie für das listig auf einen Bräutigam sinnende Lieschen nicht verleugnen kann. Dass der Thomaskantor die überraschende Schlusswendung selbst hinzugedichtet hat, ist nicht gesichert, würde aber zum feinen Humor und der eleganten Tiefgründigkeit dieser höchst charmanten Komposition passen.
Aufnahmen
Ausführung des Werks in Voller Länge
Lutzogramm zur Werkeinführung
Reflexion zum Werk
BonusMaterial
Akteure
Orchester
Leitung & Cembalo
Rudolf Lutz
Violine
Éva Borhi, Péter Barczi
Viola
Martina Bischof
Violoncello
Maya Amrein
Violone
Markus Bernhard
Traversflöte
Marc Hantaï
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Dominik Wörner
Reflexion
Referenten
Sibylle und Michael Birkenmeier
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
23.06.2022
Aufnahmeort
Rorschach SG (Schweiz) // Würth Haus Rorschach, Carmen Würth Saal
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Zum Werk
Erste Aufführung
wahrscheinlich 1734, Leipzig
Textdichter
Christian Friedrich Henrici (Picander)
Entstehung & Vertonung
1. Rezitativ — Tenor (Erzähler)
Schweigt stille, plaudert nicht
und höret, was itzund geschicht:
Da kömmt Herr Schlendrian
mit seiner Tochter Liesgen her,
er brummt ja wie ein Zeidelbär;
Hört selber, was sie ihm getan!
1. Rezitativ
Mit einer prägnanten Eröffnung des tenoralen Erzählers wird die Szenerie erläutert und der für derlei Kaffeehaus-Auftritte unerlässliche Übergang von der musikalischen Untermalung des Tischgesprächs zur aufmerksamen Konzertsituation angemahnt.
2. Arie — Bass (Schlendrian)
Hat man nicht mit seinen Kindern
hunderttausend Hudelei!
Was ich immer alle Tage
meiner Tochter Liesgen sage,
gehet ohne Frucht vorbei.
2. Arie
Man hat fast Mitleid mit diesem aufgeblasenen Patron, wie er im polternden Brummen indirekt einräumen muss, das Leben und Treiben in seinem Familienladen kaum noch im Griff zu haben. Bach entwirft dafür eine Musik voll leerer Kreisfiguren und abreissender Hochfahrtsgesten, die das mundartlich angehauchte Fluchen des geplagten Schlendrian schadenfroh ins Leere laufen lässt – ganz egal, auf welcher Tonstufe er seine Ermahnungen auch vorträgt.
3. Rezitativ — Bass (Schlendrian), Sopran (Lieschen)
Bass
Du böses Kind, du loses Mädchen,
ach! wenn erlang ich meinen Zweck:
Tu mir den Coffee weg!
Sopran
Herr Vater, seid doch nicht so scharf!
Wenn ich des Tages nicht dreimal
mein Schälchen Coffee trinken darf,
so werd ich ja zu meiner Qual
wie ein verdorrtes Ziegenbrätchen.
3. Rezitativ
Mit dem ersten Dialog werden die Rollen verteilt – der frustrierte Hausvater vermag nur schimpfend zu fordern, während das schlaue Lieschen die Einhaltung der verbalen Etikette einfordert und an das in einem Kaffeehaus gewiss vorhandene Verständnis der Zuhörer für ihre Vorliebe appelliert.
4. Arie — Sopran (Lieschen)
Ei! wie schmeckt der Coffee süße,
lieblicher als tausend Küsse,
milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muss ich haben,
und wenn jemand mich will laben,
ach, so schenkt mir Coffee ein!
4. Arie
«Ei! Wie schmeckt der Coffee süße» – über Piccicatobässen und begleitet von einer eleganten Flötenpartie singt Lieschen das Lob des Türkentrunks und damit der verfeinerten Lebensart überhaupt. Der fliessende Menuettduktus spielt dabei als Verneinung der Verneinung charmant auf die im Text indirekt angesprochene Brautwerbung an.
5. Rezitativ — Bass (Schlendrian), Sopran (Lieschen)
Bass
Wenn du mir nicht den Coffee lässt,
so sollst du auf kein Hochzeitfest,
auch nicht spazierengehn.
Sopran
Ach ja!
Nur lasset mir den Coffee da!
Bass
Da hab ich nun den kleinen Affen!
Ich will dir keinen Fischbeinrock
nach itzger Weite schaffen.
Sopran
Ich kann mich leicht darzu verstehn.
Bass
Du sollst nicht an das Fenster treten
und keinen sehn vorübergehn!
Sopran
Auch dieses; doch seid nur gebeten
und lasset mir den Coffee stehn!
Bass
Du sollst auch nicht von meiner Hand
ein silbern oder goldnes Band
auf deine Haube kriegen!
Sopran
Ja, ja! nur lasst mir mein Vergnügen!
Bass
Du loses Liesgen du,
so gibst du mir denn alles zu?
5. Rezitativ
Der tugendeifernde Alte gibt nicht auf und verlegt sich nun auf pure Erpressung. Doch vermögen weder Stubenarrest noch Kontaktsperren oder gar der völlige Verzicht auf Kleiderputz und Schmuck das coffeevernarrte Lieschen umzustimmen.
6. Arie — Bass (Schlendrian)
Mädchen, die von harten Sinnen,
sind nicht leichte zu gewinnen.
Doch trifft man den rechten Ort:
O! so kömmt man glücklich fort.
6. Arie
Schlendrian gesteht sich seine vorläufige Niederlage ein, entwickelt nun aber vor den Augen und Ohren eine neue (vermeintlich) zielführende Idee. Die vertrackte Motivik dieser nur vom Continuo begleiteten Bassarie lässt jedoch neben der «hartgesinnten» Weigerung der Tochter auch die letztendliche Fruchtlosigkeit einer Strategie erkennen, an deren Erfolg nur jemand glauben kann, der so eitel ist wie der blasierte Patrizier.
7. Rezitativ — Bass (Schlendrian), Sopran (Lieschen)
Bass
Nun folge, was dein Vater spricht!
Sopran
In allem, nur den Coffee nicht.
Bass
Wohlan! so musst du dich bequemen,
auch niemals einen Mann zu nehmen.
Sopran
Ach ja! Herr Vater, einen Mann!
Bass
Ich schwöre, dass es nicht geschicht.
Sopran
Bis ich den Coffee lassen kann?
Nun! Coffee, bleib nur immer liegen!
Herr Vater, hört, ich trinke keinen nicht.
Bass
So sollst du endlich einen kriegen!
7. Rezitativ
Nach einem letzten halbherzigen Appell an den schuldigen Tochtergehorsam lässt Schlendrian die Katze aus dem Sack – wer nicht folgt, wird auch nicht verheiratet und so die tyrannische Bevormundung niemals los! Wie Lieschens Widerstand daraufhin mit schmachtender Geste zusammenbricht («Ach ja, Herr Vater, einen Mann»), ist gerade in der erahnbaren Falschheit der Aussage von grosser Komik.
8. Arie — Sopran (Lieschen)
Heute noch,
lieber Vater, tut es doch!
Ach, ein Mann!
Wahrlich, dieser steht mir an!
Wenn es sich doch balde fügte,
dass ich endlich vor Coffee,
eh ich noch zu Bette geh,
einen wackern Liebsten kriegte!
8. Arie
Lieschen nutzt die errungene neue Verhandlungsmacht unmittelbar – gleich «heute noch» soll es an die Brautschau gehen. Der beschwingt- kurzatmige 6⁄8-Takt einer modischen Giga illustriert plastisch die wie mit geröteten Wangen vorgetragene Vorfreude einer jungen Frau auf ein Leben jenseits der einschränkenden Knute. Dass sie den von ihr bereits erwähnten «Liebreiz» des Küssens nur als Metapher kennt, mag man da gar nicht so recht glauben…
9. Rezitativ — Tenor (Erzähler)
Nun geht und sucht der alte Schlendrian,
wie er vor seine Tochter Liesgen
bald einen Mann verschaffen kann;
Doch, Liesgen streuet heimlich aus:
Kein Freier komm mir in das Haus,
er hab es mir denn selbst versprochen
und rück es auch der Ehestiftung ein,
dass mir erlaubet möge sein,
den Coffee, wenn ich will, zu kochen.
9. Rezitativ
Während sich der erleichterte Schlendrian auf die Suche nach einem Bräutigam macht, verrät der nochmals auftretende Erzähler das hintersinnige Ende der Geschichte – indem sie ihr Jawort mit der Zusicherung künftigen Kaffeegenusses verknüpft, wird Lieschen zur eigentlichen Siegerin des unterhaltsamen Ringens.
10. Chor — (Terzett) Sopran, Tenor, Bass
Die Katze lässt das Mausen nicht,
die Jungfern bleiben Coffeeschwestern.
Die Mutter liebt den Coffeebrauch,
die Großmama trank solchen auch,
wer will nun auf die Töchter lästern!
10. Terzett
Gegen derlei gewitzten Charme war und ist kein Kraut gewachsen – in den munteren Kehraus «Die Katze lässt das Mausen nicht, die Jungfern bleiben Coffee-Schwestern» können schliesslich alle Generationen lachend einstimmen. Mit diesem Rondo von operettenhafter Eingängigkeit gelang Bach ein echter Ohrwurm, den so mancher Zuhörer auf den Heimweg mitgenommen
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Vertiefung
Obwohl Christian Friedrich Henrici alias Picander seinem 1732 gedruckten Libretto den Titel «Über den Caffe» gab und alle Welt es dank Bachs Vertonung als «Kaffee-Kantate» kennt, geht es darin nur am Rande um das die Lebensgeister weckende Heissgetränk. Tatsächlich bildet der in Bachs Zeit ebenso angesagte wie in seinen moralischen und medizinischen Wirkungen umstrittene Kaffee eher den Anlass für einen veritablen Generations- und Geschlechterkonflikt. Im Streit zwischen dem aufgeblasenen Familienpatron «Schlendrian» und seiner listig-selbstbewussten Tochter Liesgen werden auf amüsante Weise gesellschaftliche Rollenbilder und Autoritätsverhältnisse nachgezeichnet und hintersinnig untergraben.
«Schweigt stille, plaudert nicht» – mit bewährten Auftrittseinleitung eröffnet der Tenor als Erzähler das erste Rezitativ und macht damit zugleich deutlich, wie schwer es die Musizierenden des Bachischen Collegium musicum hatten, sich gegen das geschwätzige Lärmen und Geschirrklappern der keineswegs nur der Kunst wegen in Gottfried Zimmermanns Kaffeehaus strömenden Gäste durchzusetzen.
Wenn der Erzähler dann den polternden Schlendrian als «brummend wie ein Zeidelbär (Zottelbär)» ankündigt, so löst Bach dieses dankbare Bild in der folgenden Arie eindrücklich ein. Verbissen auf der Stelle kreisende Violinsechzehntel wechseln sich dabei mit abgerissenen Staccato-Hieben ab, die ein Bild leerer Raserei entstehen lassen. Man darf sich dies auch bei der um 1734 anzusetzenden Erstaufführung halbszenisch dargestellt vorstellen. Zwar wirbt der brummige Patriarch mit der mitleidheischenden Klage «Hat man nicht mit seinen Kindern hunderttausend Hudelei» bei seinen Zuhörern um Verständnis, doch sorgt die pathetische Überzeichnung für unfreiwillige Komik, zumal die eingebauten Trugschlusswendungen andeuten, dass dieser Stubentyrann sich gewaltig auf dem Holzweg befindet.
Schlendrians Beschimpfungen setzen sich im Rezitativ fort, in dem er sein «böses Kind» als «loses Mädchen» bezeichnet, was nebenher auf den schwierigen Status der im 18. Jahrhundert nur ausnahmsweise in Kaffeehäusern zugelassenen Frauen verweist, die man oft mit den als «Caffee-Menscher» bezeichneten Kurtisanen gleichsetzte. Liesgen hingegen appelliert in ruhigem Tonfall an die väterliche Contenance und räumt dabei freimütig ihr Vergnügen am dreimal täglichen Kaffeegenuss ein – übrigens zugleich Ausweis einer gehobenen Lebensart, wie die Sopranarie «Ei, wie schmeckt der Coffee süße» deutlich macht. Deren Reimfortsetzung «lieblicher als tausend Küsse» greift dann jenes verbale Spiel mit erotischen Zweideutigkeiten auf, für das insbesondere der junge Picander in Leipzig stadtbekannt war. Der einem höfischen Tanz nicht unähnliche ⅜-Duktus und die eleganten Figurationen der begleitenden Traversflöte charakterisieren Liesgen als emanzipierte und modebewusste Dame, der im elegischen h-Moll hörbar Tiefsinn eignet. Dass Bach die besondere Klanglichkeit der Querflöte in dieser Kantate für Liesgen und die Welt der Frauen reserviert, während sich Schlendrian mit dem üblichen Streichersatz samt Continuo begnügen muss, demonstriert die Fähigkeit des Thomaskantors, auch ausserhalb der Kirchenmusik auf feine Schattierungen und semantische Codes zu setzen.
Schlendrian jedoch gibt sich nicht geschlagen und fährt im folgenden Duo-Rezitativ ein ganzes Arsenal an Verboten auf. Doch können weder verschärfter Stubenarrest noch die Weigerung, Kleider und Schmuck zu kaufen, die standhafte Mokkaliebhaberin überwinden. Liesgen, die mit stoischer Ruhe alle Zudringlichkeiten abwehrt, bringt am Ende des Satzes ihren Vater hörbar an das Ende seines Lateins. Doch verfällt dieser nun – als hätte er sich in einem der damals verbreiteten Hausväter-Bücher Rat geholt – auf einen vermeintlich sicheren Plan. Wie Bach das bohrende Nachsinnen und die geradezu lächerliche Bosheit solch ränkevoller Erwägungen mit einem vertrackten Continuo-Ritornell andeutet und dann vom Bass-Solisten immer wieder durchleben lässt, macht dessen zweite Arie zu einem Meisterstück der Satzkunst und Charakterzeichnung. So gerüstet, tritt Schlendrian mit erneuerter Würde vor sein Kind und zieht im nächsten Rezitativ seinen letzten Trumpf: Wenn der Kaffee nicht vom Tisch kommt, gibt es keinen Mann und keine Eheerlaubnis – was Liesgens Widerstand nun doch zu brechen scheint. Entsprechend schwelgt sie nach reichlich theatralischer Unterwerfung im Vorgeschmack eines künftigen Liebesglücks, das vor allem in der Befreiung von väterlicher Bevormundung zu bestehen scheint. Die schwingenden Sechsachtel-Figuren und antwortartigen Wechselspiele dieser Arie lassen eine beseelte Zweisamkeit erahnen, während die in der Tiefe durchlaufenden Continuobrechungen andeuten, dass diese Geschichte einen doppelten Boden haben wird.
Denn während Picanders gedruckte Textfassung und die erhaltenen Parallelvertonungen anderer Komponisten mit dieser Arie als Bestätigung der männerzentrierten Ordnung schliessen, stellt Bachs komponierte Version die Pointe auf den Kopf, was der ansonsten bei allem Wortwitz biederen Geschichte einen völlig neuen Drive verleiht. Ob es nun Bachs Gefühl für formale Abrundung samt Wiederauftritt des Tenors war oder seine eigenen familiären Erfahrungen mit selbstbewussten Frauenzimmern ihm die Feder führten – bei ihm schliesst sich ein Tenorrezitativ an, das die väterliche Bräutigamsuche durch Liesgens Ansage konterkariert, ihre Hand sei nur mit der Kaffeetasse darin zu gewinnen, was ihr am Ende Vergnügen und Selbstbestimmung zugleich verschafft. Und schliesslich setzt die Kantate mit dem Terzett «Die Katze läßt das Mausen nicht» einen kraftvollen Schlussakzent, der alle Beteiligten samt Traversflöte in einer entspannten Rondo-Form lächelnd versöhnt und in das zeitlose Verständnis für verzeihliche Schwächen einstimmen lässt. Unter Bachs Händen wird so aus Picanders klischeebeladenem Dialog ein einfühlsames Lehrstück menschlichen Miteinanders; von der Musikpublizistik zuweilen als zweitklassig verharmlost, handelt es sich bei der «Kaffee-Kantate» tatsächlich um ein für diese Zeit ausserordentlich fortschrittliches Meisterstück.
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