Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte

Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte
Kantate zum 2. Pfingsttag, für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Oboe I+II, Taille, Corno da caccia I+II, Streicher und Basso continuo
In aller Grossartigkeit blieb Bach stets bodenständig und neigte an sich kaum zur kompositorischen Hybris. Doch der von ihm 1729 in der Sinfonia zur Kantate BWV 174 vorgelegte Versuch, den bereits zehnstimmigen Kopfsatz des Brandenburgischen Konzertes Nr. 3 noch um ein obligates Hörnerpaar sowie einen Oboen-Streicher-Chor zu erweitern, kommt in seiner kühnen Meisterschaft einer solchen doch ziemlich nahe. Ob Bach so den in der Kantate thematisierten himmelweiten Unterschied zwischen göttlicher Majestät und unvollkommenem menschlichem Liebesstreben ausdrücken wollte, muss offenbleiben. Die auf dieses massive Portal folgenden Rezitative und Arien versuchen sich jedenfalls nicht an einer weiteren Überbietung, sondern setzen ganz auf dezente Klangfarben und klug disponierte Unisonoführungen.
Beschreibung
Kantate zum 2. Pfingsttag, für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Oboe I+II, Taille, Corno da caccia I+II, Streicher und Basso continuo
In aller Grossartigkeit blieb Bach stets bodenständig und neigte an sich kaum zur kompositorischen Hybris. Doch der von ihm 1729 in der Sinfonia zur Kantate BWV 174 vorgelegte Versuch, den bereits zehnstimmigen Kopfsatz des Brandenburgischen Konzertes Nr. 3 noch um ein obligates Hörnerpaar sowie einen Oboen-Streicher-Chor zu erweitern, kommt in seiner kühnen Meisterschaft einer solchen doch ziemlich nahe. Ob Bach so den in der Kantate thematisierten himmelweiten Unterschied zwischen göttlicher Majestät und unvollkommenem menschlichem Liebesstreben ausdrücken wollte, muss offenbleiben. Die auf dieses massive Portal folgenden Rezitative und Arien versuchen sich jedenfalls nicht an einer weiteren Überbietung, sondern setzen ganz auf dezente Klangfarben und klug disponierte Unisonoführungen.
Das Werk im Kirchenjahr
ZUM KIRCHENKALENDERPerikopen zum Sonntag
Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte.
Und er hat uns geboten, zu predigen dem Volk und zu zeugen, dass er ist verordnet von Gott zum Richter der Lebendigen und der Toten. Von diesem zeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Da Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten. Und die Gläubigen aus den Juden, die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen ward; denn sie hörten, dass sie mit Zungen redeten und Gott hoch priesen. Da antwortete Petrus: «Mag auch jemand das Wasser wehren, dass diese nicht getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen haben gleichwie auch wir?» Und befahl, sie zu taufen in dem Namen des Herrn. Da baten sie ihn, dass er etliche Tage dabliebe.
Und er hat uns geboten, zu predigen dem Volk und zu zeugen, dass er ist verordnet von Gott zum Richter der Lebendigen und der Toten. Von diesem zeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Da Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten. Und die Gläubigen aus den Juden, die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen ward; denn sie hörten, dass sie mit Zungen redeten und Gott hoch priesen. Da antwortete Petrus: «Mag auch jemand das Wasser wehren, dass diese nicht getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen haben gleichwie auch wir?» Und befahl, sie zu taufen in dem Namen des Herrn. Da baten sie ihn, dass er etliche Tage dabliebe.
Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn selig werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der hasst das Licht und kommt nicht an das Licht, auf dass seine Werke nicht gestraft werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, dass seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan.
Aufnahmen
Akteure
Solistinnen und Solisten
Sopran
Lia Andres
Alt/Altus
Elvira Bill
Tenor
Bernhard Berchtold
Bass
Sebastian Noack
Orchester
Leitung & Cembalo
Rudolf Lutz
Violine
Éva Borhi, Lenka Torgersen, Ildikó Sajgó, Péter Barczi, Petra Melicharek
Viola
Martina Bischof, Anne Sophie van Riel, Nadine Henrichs, Andreas Torgersen
Violoncello
Maya Amrein, Sabina Diergarten-Leemann, Daniel Rosin
Violone
Markus Bernhard
Oboe
Rodrigo López Paz, Clara Espinosa Encinas
Fagott
Susann Landert
Taille
Katharina Arfken
Corno da caccia
Stephan Katte, Thomas Friedländer
Orgel
Nicola Cumer
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter
Reflexion
Reflexion
Olivia El Sayed
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
29.05.2026
Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Zum Werk
Erste Aufführung
6. Juni 1729 in Leipzig
Textdichter
Satz 2–4: aus «Ernst-Scherzhaffte und Satyrische Gedichte», Teil 3, Christian Friedrich Henrici (Picander), 1732
Satz 5: Strophe 1 aus «Herzlich lieb hab’ ich dich, o Herr» von Martin Schalling, 1571
Entstehung & Vertonung
1. Sinfonia
1. Sinfonia
Bachs kühne Erweiterung des auf drei gleichberechtigten Streichergruppen beruhenden Brandenburgischen Konzertsatzes setzt den ergänzten Streicher-Oboen-Chor vor allem zur klanglichen Massierung und Akzentverstärkung ein, während das obligate Hörnerpaar in seiner heraldischen Wirkung tatsächlich eigenständige Wege geht. Wie Bach in diesem Satzkonstrukt zugleich strategisch planend und pragmatisch musikantisch vorgeht, ist von verblüffender Natürlichkeit und Überzeugungskraft.
2. Arie — Alt
Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte,
er hat mich auch am höchsten lieb.
Gott allein
soll der Schatz der Seelen sein,
da hab ich die ewige Quelle der Güte.
2. Arie — Alt
Der Kantatentext stammt aus Christian Friedrich Henricis «Ernst-Schertzhafften und Satyrischen Gedichten» (gedruckt erst 1732), welche die Thematik von Gottes Liebe (Genitiv subj. + obj.) des 2. Pfingsttages aufnimmt: «Also hat Gott die Welt geliebt … (Johannes 3.16). Und so singt die Alt-Arie von der Liebe zum Höchsten, weil Gott den Menschen «am höchsten» liebt. Dieser Geist der Liebe wird an Pfingsten gefeiert. Nach dem wuchtigen Kantatenbeginn setzt die ohne dazwischengeschaltetes Rezitativ folgende und mit Alt und zwei Solo-Oboen besetzte Arie ganz auf klangliche Eleganz, verzückte Heiterkeit und stimmliche Lieblichkeit, wozu der schwebende 6∕8-Takt und die geradezu himmlische Ausdehnung einiges beitragen.
3. Rezitativ — Tenor
O Liebe, welcher keine gleich!
O unschätzbares Lösegeld!
Der Vater hat des Kindes Leben
vor Sünder in den Tod gegeben
und alle, die das Himmelreich
verscherzet und verloren,
zur Seligkeit erkoren.
Also hat Gott die Welt geliebt!
Mein Herz, das merke dir,
und stärke dich mit diesen Worten;
vor diesem mächtigen Panier
erzittern selbst die Höllenpforten.
3. Rezitativ — Tenor
Im Tenor-Rezitativ wird die Botschaft der Johannesperikope – die Passion Christi als ein Werk der Liebe Gottes, welche Befreiung (Lösegeld) und Erlösung bewirkt – als Worte bezeichnet, die selbst die Höllenpforten erzittern lassen! Zu diesem dem Tenor anvertrauten gewichtigen Text hat Bach ein feierliches und auch harmonisch exquisit gesetztes Accompagnato komponiert, das durch im jeweils dreifachen Unisono ausstreichende Violinen und Violen reiche Tiefe erhält.
4. Arie — Bass
Greifet zu, faßt das Heil, ihr Glaubenshände,
faßt das Heil, greifet zu!
Jesus gibt sein Himmelreich
und verlangt nur das von euch:
Gläubt getreu bis an das Ende!
4. Arie — Bass
Beschwingt und wortspielerisch spricht Picander in der Bass-Arie die «Glaubenshände» an – die Gläubigen mit ihren begrifflichen «Händen» – und fordert sie auf: «Greifet zu»! Sie sollen sich dieses Heilsangebot nicht entgehen lassen, denn der Preis für Jesu «Himmelreich» sei (nur) ein getreuer Glaube bis ans Ende. Als wollte er in dieser Kantate den Weg von virtuos ausgekosteter Vielstimmigkeit hin zu verinnerlichter Einheit hörbar machen, lässt Bach in der Bass-Arie nun sämtliche Streicher über einem lakonisch stützenden Continuo eine inspiriert federnde Oberstimme im Unisono vortragen. Die von dieser sehr besonderen Orchester-Etüde ausgehende warme Klangfülle trägt und inspiriert den Bass-Solisten zu einem eindringlichen Vortrag, in dem das gute Ende allen Strebens schon mitkomponiert ist.
5. Choral
Herzlich lieb hab ich dich, o Herr.
Ich bitt, wollst sein von mir nicht fern
mit deiner Hülf und Gnaden.
Die ganze Welt erfreut mich nicht,
nach Himml und Erden frag ich nicht,
wenn ich dich nur kann haben.
Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht,
so bist du doch mein Zuversicht,
mein Heil und meines Herzens Trost,
der mich durch sein Blut hat erlöst.
Herr Jesu Christ, mein Gott und Herr,
mein Gott und Herr,
in Schanden laß mich nimmermehr!
5. Choral
Die Kantate schliesst mit der ersten Strophe des Chorals von Martin Schalling «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» aus dem Jahr 1571, welche als Antwort auf Gottes Liebe von der antwortenden Liebe und Dankbarkeit des Menschen spricht: «Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht, so bist du doch mein Zuversicht, mein Heil und meines Herzens Trost.» Während die Streicher und Oboen den Vokalsatz verdoppeln, mag Bach wohl aufgrund des demütigen Textes auf die triumphierend knatternden Hörner des Eingangs verzichtet haben. Während dort klangarchitektonisch wirklich alles möglich schien, dürfte der Meister eben doch gewusst haben, dass weniger manchmal mehr ist.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Olivia El Sayed
All diese Welten
Als ich die Einladung erhalten habe, hier zu sprechen, freute ich mich sehr. Doch kaum machte ich mich ans Schreiben meiner Rede, fing ich an, mich zu fragen: Ist das überhaupt richtig, dass ich hier bin? Bin ich denn fach- und bach-kundig genug? Und reichen vier Hochzeiten und ein Todesfall als Berechtigung dafür, dass ich nun hier, in einer Kirche, vorne stehen und laut denken darf? Das ist doch gar nicht meine Welt. Und ich muss Ihnen ehrlich sagen: Mit diesem Zweifel hatte ich nicht unrecht. Klassik. Kirche. Und vor allem Kleidung ohne Falten und Flecken – das ist tatsächlich nicht unbedingt meine Welt: Und trotzdem ist es genau richtig so, dass ich heute hier bin. Und dass Sie heute hier sind.
Man ist unsicher in Welten, von denen man glaubt, man gehöre nicht offensichtlich dazu. Und Unsicherheit ist vielleicht nicht immer gesund, aber im richtigen Masse macht sie einen auch demütig dem Leben gegenüber, denn sie kommt, wenn man merkt: Man weiss nicht alles. Nie weiss man alles.
Es gibt ihn zwar, in verschiedenen Versionen, den Menschen, der alles zu wissen glaubt und dann am lautesten ruft: «I CAN ENGLISH! I CAN EVERYTHING!» Er ist aber mit Sicherheit der, der es eben nicht kann; weder Englisch noch alles.
Es gibt so viel, was ich nicht weiss, was ich noch nicht kenne. Und nicht nur das: Ein einziges Leben – meines – wird nicht reichen, um alles wissen und kennen zu können, egal wie sehr ich dies versuchen würde.
Denkt man dies weiter, bedeutet das: Auch alle anderen können nicht alles wissen. Und aus genau diesem Grund darf ich Unsicherheit immer durch Neugier ersetzen. Denn wenn ich neugierig bin und mich in andere Welten wage als die, zu der ich ohnehin und mühelos gehöre, lerne ich dazu und sehe Neues. Natürlich weiss ich auch dann noch immer nicht alles, aber sicher ein bisschen mehr als vorher.
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Ich bin aufgewachsen mit einem muslimischen, gläubigen Vater und einer Mutter, die immer schon lieber an sich selbst glaubte als an irgendeinen Mann, egal ob dieser Mann im gleichen Haus wie sie oder im Himmel wohnte. Mein Vater war romantisch, meine Mutter pragmatisch. Meine Mutter erzählt die Wahrheit. Und mein Vater lieber die bestmögliche Version davon. Seine Lebensphilosophie war: «Nur weil etwas nicht richtig ist, ist es noch lange nicht falsch». Das klingt fast philosophisch, bezog sich aber vor allem darauf, wie weit er bereit war, Deutsch zu lernen. Nämlich nur bis zu einem gewissen Punkt — und ab diesem hiessen die Dinge dann so, wie er es für richtig, wenn nicht sogar fast besser empfand. Auch nach zwanzig Jahren in der Schweiz hiess diese für ihn noch immer ganz selbstverständlich Suisland. Seinen Lieblingsfussballer Miroslav Klose nannte er Mister Klaus und konnte gar nicht verstehen, wenn jemand nicht wusste, wen er damit meinen könnte. Auch Jesus wurde ungefragt umgetauft. Mein Vater nannte ihn Jesus Crisis. Natürlich ohne Absicht, wie er stets beteuerte. Dafür klang Angela Merkel aus seinem Mund wie ein engelsgleiches Wunder: Angel Miracle. Seine Auffassung von Richtig und Falsch klingt nicht nur recht flexibel, sondern auch wie die Überzeugung von jemandem, der vielleicht nicht ausgerechnet eine Lehrerin hätte heiraten sollen, deren Einstellung ist: «Richtig ist richtig und falsch ist falsch.» Aber: Die Liebe ist die Liebe und hier sind wir nun … J
Dieses Aufwachsen zwischen zwei Welten — die wohlgemerkt noch in vielen anderen Punkten sehr gegenteilig waren — brachte einige Einsichten mit sich. Die wichtigste davon ist, dass das Normal des einen nie das Normal des anderen ist. Dafür muss nicht die eine Person aus Nordafrika stammen und die andere aus dem Kanton Zürich. Denken Sie an Ihren Bruder oder an Ihre Schwester: Selbst wenn man als Geschwister aufwächst, mit denselben Eltern im selben Haushalt, noch nicht mal dann ist für beide dasselbe normal.
Vielleicht ist mein Normal tatsächlich, vier Stunden pro Tag in mein Handy zu tippen und das Arbeit nennen zu dürfen. Mein Normal ist auch, das Grab meines Vaters nie zu besuchen, weil ich das Gefühl habe, er sei gar nicht dort. Mein Normal ist auch, dass ich mich nicht traue, von Springtürmen ins Wasser zu hüpfen oder Auto fahren zu lernen. Es ist aber auch die Freude an gefrorenen Himbeeren mit Schokoladenüberzug und an frisch lektorierten Texten. Es ist der Kaffee jeden zweiten Dienstag mit der Frau, die mir beim Ordnung halten hilft. Die geflüchtet ist und mir manchmal davon erzählt. Mein Normal ist das stundenlange Plaudern mit meinen Kindern, das Organisieren von Dingen bis spät in die Nacht hinein und viel zu früh Klaviergeklimper am nächsten Morgen. Es sind ein paar gute und ein paar weniger kluge Entscheidungen. Aber trotzdem ist es immer Zuversicht und ein Urvertrauen in die Welt, das ich mir manchmal selbst nicht so recht erklären kann. Mit diesem Rucksack spaziere ich durch die Welt.
Um zu verstehen, was das Normal der anderen ist, die mir auf verschiedenen Wegen mit ihren Rucksäcken begegnen, muss man seine Komfortzone verlassen und sich auf die Welt des Gegenübers einlassen, neue Sprachen, Begriffe und Konzepte kennenlernen, um sich mit ihnen zu verstehen. Es ist ein Prinzip, von dem ich immer meine, es müsste doch eigentlich allen sofort einleuchten. Aber eben: Mein Normal ist nicht automatisch Ihr Normal, und nur weil ich etwas einleuchtend finde, muss das für andere nicht gelten. Ausserdem möchte nicht jeder Mensch aus seiner Welt; ich möchte das auch nicht jeden Tag. Manchmal bin ich auch lieber allein, in meinem Schneckenhaus. Denn Unsicherheit in Neugier umzuwandeln braucht eine gewisse Kraft.
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Aus meinem Studium blieb mir am Stärksten ein Satz von Ludwig Wittgenstein hängen, der sagte: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»
Das meint, dass alles, was wir denken und erfassen können, in der Sprache ausgedrückt werden muss. Fehlen uns die Worte oder Begriffe, fehlt uns auch das Verständnis für diese Konzepte, was den Horizont unserer Welt definiert.
Mein Vater und ich sprachen nicht dieselbe Muttersprache. Was für ein Versäumnis, diesen Schlüssel zu einer anderen Welt einfach so weggeworfen zu haben. Er hat meine Muttersprache nur bis zu einem gewissen Grad gelernt. Und ich sprach seine Sprache noch weniger gut als er meine. Deshalb gab es viele Dinge, die er an mir und ich an ihm nie verstanden. Das führte unweigerlich zu vielen Missverständnissen, manche davon tragisch, viele davon lustig.
Eines meiner liebsten ist, dass ich lange Jahre dachte, mein Vater wäre der Ansicht, dass ich als Baby ausgesehen habe wie ein kleiner Affe. Denn über meine Geburt pflegte er zu anderen stets zu sagen: «For me it was glich she looked like Aff.» Erst viele Jahre später erfuhr ich in einem Kurs von einem arabischen Sprichwort, das übersetzt bedeutete: «Selbst für die Mutter des Affen sieht ihr Kind aus wie das eines Rehs.»
Und da sass ich nun in diesem grell beleuchteten Kursraum zwischen lauter fremden Menschen und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Das hatte er immer gemeint: Ich sah nicht aus wie ein Affenkind, sondern er war einfach nur froh, dass ich da war. Ganz egal, wie ich aussah, Hauptsache ich war da; ganz egal ob Affe oder Reh.
Wie viele andere Dinge zwischen uns blieben wohl unaufgeklärt, aus Unwissen? Und wie viele Dinge auf der ganzen Welt bleiben genauso unaufgeklärt, ungesagt, unentdeckt, aus Unwissen — oder aus Unsicherheit, weil man sich nicht traute, einen Schritt auf jemand anderen zuzugehen? Weil man sich eben nicht traute, über den Tellerrand zu schauen, in die andere Welt?
Würden wir das alle öfters tun, ein bisschen mehr nachfragen, ein bisschen besser hinschauen und genauer zuhören, dann würde sich Unsicherheit vielleicht öfter in Neugier verwandeln statt in Angst, Aggression und Ablehnung — und vielleicht würde sogar eine gewisse Offenheit zum Normal. Denn wir sind alle anders. Aber dann doch nicht so unterschiedlich, dass einer von uns so gut oder schlecht ist, dass er kein Mensch mehr wäre. Wir sind alle nicht allein, nicht in unserer Aussergewöhnlichkeit, aber auch nicht in unserer Eigen- und Seltsamkeit. Und ich glaube, wir dürfen uns einander zumuten. In unsicher. In neugierig.
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Nun gibt es hier diese unsere Welt. Die in und um sich nochmals abertausende Wirklichkeiten und kleine Welten birgt — vom kilometergrossen Pilz unter der Erde bis zu den Galaxien, deren Licht uns erst erreicht, wenn wir längst verschwunden sind. Unser Universum dehnt sich unaufhörlich aus, und wir sind einfach nur ein blauer Punkt irgendwo mittendrin. Wie können wir bloss jemals denken, wir hätten irgendeine Ahnung?
Ein ganz eigener funkelnder Kosmos ist die Musik. Musik kann unser Bewusstsein formen. Sie kann uns beruhigen, erfreuen, antreiben. Sie kann Menschen verbinden. Sie verbindet uns heute. Sie vermag es, komplexe Gefühlszustände, Trauer oder pure Freude auszudrücken. Vielleicht ist sie eines der wenigen Wunder, die die Grenzen der Sprache überwinden kann und uns ganz ohne Worte Einlass in eine andere Welt gewährt.
Deshalb sagte ich im Vorfeld: Bach zu hören ist wie mit Kindern zu plaudern. Tut man es nie, entgeht einem eine ganze Welt.
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Die Tatsache, dass es so viele Welten gibt, die ich nicht kenne, erfüllt mich mit Zuversicht. Denn schon in den Welten, die ich kenne, finde ich überall Schönheit. Seien das mächtige Baumkronen, Strassenkreide auf Beton, das schallende Lachen meiner Freundinnen, irgendwo mitten in der Nacht. Und ich liebe Schönheit, sie ist für mich das Höchste — und mein liebster Protest: Das Schöne zu sehen in einer Welt, die einem auch immer wieder viel Schlimmes offenbart, sich darauf zu fokussieren, das ist mein Protest. Gegen die Hoffnungslosigkeit. Und ich will das Schöne nicht erst sehen, wenn ich das Schlimme erlebt habe. Ich will meine Augen immer offen haben dafür, jeden Tag.
Und ich denke: Wenn es schon in den Welten, die ich kenne, so viel Schönes gibt, bedeutet das doch, dass es in all den Welten, die ich noch nicht kenne, noch unzählig viel mehr Schönes geben muss. Sollte ich hier direkt um mich herum einmal nicht mehr sehen, was schön ist, wäre dies der Anreiz, die Grenzen meiner Welt wieder einmal zu erweitern.
Mein Leben wird nicht reichen, alles Schöne zu sehen und alles zu lieben, was ich lieben könnte. Wir kennen noch nicht all unsere Lieblingslieder. Wir kennen noch nicht alle Menschen, die wir in diesem Leben lieben werden.
Und nichts trägt mehr als Liebe. Mit genug Liebe ist die Angst vor Springtürmen nur eine kleine Anekdote. Mit genug Liebe können Brücken gebaut werden. Mit genug Liebe schubst niemand. Mit genug Liebe ist falsch vielleicht manchmal eben doch richtig. Und mit genug Liebe wird aus Unsicherheit immer Neugier.
Ihnen wünsche ich nun nicht nur alles Liebe, sondern gleich drei verschiedene Lieben; ich wünsche Ihnen
♡ eine Liebe, die Ihnen Worte verleiht
♡ eine Liebe, die Sie sprachlos macht und
♡ eine Liebe, die Ihnen eine ganz neue Sprache beibringt, in welcher Form – oder Melodie – auch immer Ihnen diese Sprache begegnet.
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