Kirchenkalender
Inhalt
Du Hirte Israel, höre

Du Hirte Israel, höre
für Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe d‘amore I+II, Taille, Streicher und Basso continuo
Gerade weil man Bach im Zeitalter seiner romantischen Wiederentdeckung aufgrund seiner harmonischen Perfektion und kontrapunktischen Strenge lange eher schätzte als liebte, galt die lichte Hirtenmusik der bereits 1831 erstmals gedruckten Kantate 104 schon den Zeitgenossen Mendelssohns als ausnehmender Gegenbeweis. Vor allem die wiegenden Rhythmen und fliessenden Bewegungscharaktere des Eingangschors und der Bassarie entfalten im Zusammenspiel mit den pastoralen Holzbläsern eine entspannte Lieblichkeit, die im Vertrauen auf den guten Hirten die auch bei Bach oft als trügerisch und verworfen geschilderte Welt in ein tönendes «Himmelreich» verwandelt.
Beschreibung
für Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe d‘amore I+II, Taille, Streicher und Basso continuo
Gerade weil man Bach im Zeitalter seiner romantischen Wiederentdeckung aufgrund seiner harmonischen Perfektion und kontrapunktischen Strenge lange eher schätzte als liebte, galt die lichte Hirtenmusik der bereits 1831 erstmals gedruckten Kantate 104 schon den Zeitgenossen Mendelssohns als ausnehmender Gegenbeweis. Vor allem die wiegenden Rhythmen und fliessenden Bewegungscharaktere des Eingangschors und der Bassarie entfalten im Zusammenspiel mit den pastoralen Holzbläsern eine entspannte Lieblichkeit, die im Vertrauen auf den guten Hirten die auch bei Bach oft als trügerisch und verworfen geschilderte Welt in ein tönendes «Himmelreich» verwandelt.
Das Werk im Kirchenjahr
ZUM KIRCHENKALENDERPerikopen zum Sonntag
Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte.
Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fussstapfen; welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem heim, der da recht richtet; welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fussstapfen; welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem heim, der da recht richtet; welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.
Aufnahmen
Akteure
Solistinnen und Solisten
Tenor
Charles Daniels
Bass
Peter Harvey
Chor
Sopran
Maria Deger, Susanne Seiter, Noëmi Tran-Redinger, Baiba Urka, Mirjam Wernli, Ulla Westvik
Alt
Nanora Büttiker, Antonia Frey, Stefan Kahle, Francisca Näf, Lisa Weiss
Tenor
Marcel Fässler, Zacharie Fogal, Florian Glaus, Sören Richter
Bass
Philippe Rayot, Christian Kotsis, Daniel Pérez, Peter Strömberg, William Wood
Orchester
Leitung
Rudolf Lutz
Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Lisa Herzog-Kuhnert, Elisabeth Kohler Gomes, Aliza Vicente, Salome Zimmermann
Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Matthias Jäggi
Violoncello
Martin Zeller, Bettina Messerschmidt
Violone
Markus Bernhard
Oboe
Philipp Wagner, Clara Espinosa Encinas
Fagott
Gilat Rotkop
Taille
Katharina Arfken
Cembalo
Thomas Leininger
Orgel
Nicola Cumer
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter
Reflexion
Reflexion
Wolfram Eilenberger
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
17.04.2026
Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Zum Werk
Erste Aufführung
23. April 1724 in Leipzig
Textdichter
Unbekannter Dichter
Satz 1: Psalm 80, 2
Satz 6: Cornelius Becker 1598
Entstehung & Vertonung
1. Chor
Du Hirte Israel, höre, der du Joseph hütest wie der Schafe, erscheine, der du sitzest über Cherubim.
1. Chor
Der unbekannte Librettist hat Psalm 23 für den krönenden Schluss der Kantate vorgesehen und wählt deshalb für den Anfangschoral Worte aus Psalm 80, 2: «Du Hirte Israel, höre». Haltgebende Basstöne, wiegende Achtelgruppen und zutraulich getupfte «Schwer-Leicht»-Akzente sorgen im Orchester für eine Aura maximaler Geborgenheit, die die Seelen der Zuhörenden im ¾-Takt dahinschweben lässt. Die oft paarig angeordneten Singstimmen fügen sich diesem Gestus organisch ein, der dennoch Raum für elegant eingeführte Fugenpassagen («der du Joseph hütest wie der Schafe») lässt und auch drängender Erwartung eine Stimme verleiht («höre!», «erscheine!»).
2. Rezitativ — Tenor
Der höchste Hirte sorgt vor mich,
was nützen meine Sorgen?
Es wird ja alle Morgen
des Hirtens Güte neu.
Mein Herz, so fasse dich,
Gott ist getreu.
2. Rezitativ — Tenor
Das Tenorrezitativ verwandelt die Bitte des Chorals in persönliche Gebetsworte, welche von Psalm 23 inspiriert sind. «Der höchste Hirte sorgt vor [= für] mich», denn «Gott ist getreu» – eine Schlüsselaussage, die Bach in einer ariosen Schlusswendung besonders hervorhebt.
3. Arie — Tenor
Verbirgt mein Hirte sich zu lange,
macht mir die Wüste allzu bange,
mein schwacher Schritt eilt dennoch fort.
Mein Mund schreit nach dir,
und du, mein Hirte, wirkst in mir
ein gläubig Abba durch dein Wort.
3. Arie — Tenor
Die im gespannten h-Moll angesiedelte Aria hingegen spricht von Erfahrungen der Gottesferne und Sehnsucht, von Entbehrungen einer «Wüstenwanderung», aber auch von dem gläubig-zutraulich geäusserten «Abba» (Vater im Sinne von Papa). Die aparte Klanglichkeit zweier Oboen d’amore sorgt im Verein mit den aufsteigenden Seufzerketten für einen Duktus angestrengter Gottessuche, deren angedeutetes «Schreien» von den Vertrauensseilen der kompositorischen Struktur in ein zuversichtliches Gebet überführt wird. Die vom Arientext nahegelegte Bewegung auch «schwacher Schritte» hin zu Gott wird durch die durchkomponierte Form ohne Da capo als unumkehrbar deutlich gemacht.
4. Rezitativ — Bass
Ja, dieses Wort ist meiner Seelen Speise,
ein Labsal meiner Brust,
die Weide, die ich meine Lust,
des Himmels Vorschmack, ja mein Alles heiße.
Ach, sammle nur, o guter Hirte,
uns Arme und Verirrte;
ach, laß den Weg nur bald geendet sein
und führe uns in deinen Schafstall ein!
4. Rezitativ — Bass
Im Bass-Rezitativ wird die Abba-Anrede der Arie zur «Seelen-Speise», zum «Labsal» und zum «Himmels-Vorschmack» – und nun ergänzt der Dichter das Gleichnis aus dem Evangelientext von Jesus, dem guten Hirten (Joh. 10), durch die Motive aus der Epistel (1. Petrus 2) von der Sammlung der «Verirrten» im «Schafstall» (der Kirche).
5. Arie — Bass
Beglückte Herde, Jesu Schafe,
die Welt ist euch ein Himmelreich.
Hier schmeckt ihr Jesu Güte schon
und hoffet noch des Glaubens Lohn
nach einem sanften Todesschlafe.
5. Arie — Bass
Die Bass-Arie bejubelt die «beglückte Herde» Jesu: Für sie ist die Welt «ein Himmelreich», denn hier schon schmeckt sie Jesu Güte (Abendmahl) und kann nach einem sanften Tod auf den «Glaubens-Lohn» hoffen. Die wiegende Bewegung des Eingangschors wird in einem mindestens ebenso schwingenden 12∕8-Siciliano aufgegriffen und im Sinne der gelingenden Beziehung zu Jesus als Hirte idealtypisch ausmusiziert. Die sonore Basslage des Vokalsolos wird mancher unter den Zuhörenden über das Berichten von seiner Präsenz hinaus als veritable Vox Christi wahrgenommen haben.
6. Choral
Der Herr ist mein getreuer Hirt,
dem ich mich ganz vertraue;
zur Weid er mich, sein Schäflein, führt
auf schöner, grünen Aue;
zum frischen Wasser leit er mich,
mein Seel zu laben kräftiglich
durchs selig Wort der Gnaden.
6. Choral
Die Kantate schliesst mit der 1. Strophe von Cornelius Beckers Choral «Der Herr ist mein getreuer Hirt» aus dem Jahr 1598, einer singbaren Umdichtung des bekannten Psalms 23.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Quellenangaben
Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
Wolfgang Eilenberger
I. Das Erscheinen des Offenbaren
Stehen zwei Schafe auf der Weide. Lange, wiederkäuende Stille. Sagt das eine plötzlich: «Määääh!» Und das andere: «Du, das wollte ich auch gerade sagen.»
Dieser Witz schoss mir in den Sinn, als ich, es war Ende Februar und die Tage dunkel, erstmals nachzusehen wagte, welche Bach’sche Kantate mir für Trogen zugewiesen: «Du Hirte Israel, höre». Ach du lieber Gott, ach du liebe kuratierende Barbara Bleisch, dachte ich: Lasst diesen Reflexions-Kelch an mir vorübergehen!
Israel, Hirtentum, Hörigkeit, Flehen um göttlichen Stammesschutz. Ausgerechnet Im Frühjahr 2026. Und ausgerechnet ich.
Denn, sofern es ein Thema gibt, das mich die vergangenen Jahre und Jahrzehnte geistig in Gang gehielt, so war es die Frage, welche Weisen des Sprechens und Lauschens es wohl vermögen, uns aus dem Zustand eines schafsnahen Hörigseins zu befreien – und in einen Zustand selbstbestimmter Mündigkeit zu erheben. Oder mit anderen, mir durchaus heilig gewordenen Worten: wie sich für uns wohl ein «Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit» gewinnen lässt. Man nennt das, mit Kant, auch: Aufklärung.
Aufklärung – der Auszug des Menschengeschlechts aus Arkadien.
Er ergibt sich so leicht, der Rückfall in selbstverschuldete Unmündigkeit, in die unheimliche Geborgenheit der Herde. Eigentlich muss man nur aufhören, selbst zu denken; aufhören, mit eigener Stimme sprechen, mit eigenen Ohren hören zu wollen. Und stattdessen wieder und wieder sagen: «Du, das wollte ich auch gerade sagen.»
II. Offenbar, taub
Nun denn: «Du Hirte Israel, höre!»
Lauscht man der Kantate ein zweites Mal und wohlwollender, geht es darin nicht vorrangig um hörige Unterwerfung. Sondern um Menschen, die sich an eine höhere Macht mit der Bitte wenden, diese solle abermals erscheinen. Er – Es – hatte sich also bereits zuvor gezeigt. Und zwar, ohne eigens angerufen worden zu sein, sondern unverhofft. Als Ereignis Seiner Offenbarung!
Dergleichen geschieht offenbar, hin und wieder. Und sofern es geschieht, tritt damit etwas genuin Neues, oder auch genuin Altes, in unsere Welt. Etwas Erhabenes – für das wir die gemässen Worte und Töne, Begriffe oder Melodien also erst noch zu finden haben.
Man müsste als Menschengeschlecht wohl vollkommen auf den Hund gekommen, vollkommen taub geworden sein, solche Ereignisse nicht mehr gewahren zu können.
III. Falsche Freunde
Sie merken, ich merke: die Verführung, anlässlich dieser Pastorale Bachs selbst ins Pastorale zu ziehen, ist enorm. Wie der Deutsche erfahrungsgemäss, vor allem in der Fremde, dazu neigt, anderen Moralpredigten halten. Gleichsam zum «pastor alemán» zu werden.
Verzeihen Sie mir diese lose Assoziation des «pastor alemán». Aber ich schreibe diese Zeilen, diese Reflexion, tatsächlich in Spanien. Genauer in einem andalusischen Dorf, wo in nur wenigen Stunden, es ist Karfreitag, Männer unter weissen Spitzenkapuzen tonnenschwere Altäre durch die engen Gassen tragen werden. Die Passion Christi. Von meiner Terrasse kann ich die Blaskapellen schon hören.
Vor allem aber ist «pastor alemán» ein Paradebeispiel für das, was Linguisten einen «falschen Freund» nennen. Also eine Wendung, die einen beim ersten Hören in die Irre zu führen droht. Denn die korrekte Übersetzung dieser spanischen Wortfolge lautet eben nicht «deutscher Pfarrer», sondern «deutscher Schäferhund».
Für unser heutiges Thema gewiss ein Unterschied ums Ganze. Wissen wir doch alle aus eigener Erfahrung, dass dort, wo von wohlwollenden Hirten gesprochen wird, gern kontrollierendes Bewachen walten will. Dass dort, wo den Lämmlein grenzenlose Weiden versprochen werden, der Schlächter bereits hinter dem Gatter wartet. Und dort, wo die wache Freiheit eines Christenmenschen als Ideal formuliert wird, in Wahrheit hündischer Gehorsam gefordert bleibt.
IV. Von der Mündigkeit der Hunde
Wäre es etwa ein Zufall, dass der Hund – dieser mutmasslich «beste Freund des Menschen», in unseren Kulturkreisen als ebenso unmündige wie gottesferne Kreatur gerahmt wird? Als ein Tier, mit dem kein denkbegabtes Wesen freiwillig tauschen würde. Ich sage Ihnen jetzt etwas, was man ansonsten nur seinem Therapeuten anvertrauen sollte: Ich persönlich würde manchmal schon gerne tauschen. In jüngster Zeit sogar immer öfter. Mit Hunden, meine ich. Manchmal glaube ich sogar, selbst einer zu sein (nur eben im falschen Körper), oder wenigstens mal einer gewesen zu sein, in einer früheren Wiedergeburt.
Jedenfalls ist mein Alltag von der Erfahrung geprägt, dass die Hunde, die mir so über den Weg laufen, mir fast ausnahmslos deutlich sympathischer, aufmerksamer und sogar mündiger erscheinen als die jeweiligen Menschen. Wie Brüder im Geiste.
Allein die phänotypische Breite dieser Gattung! Vielfältiger als bei jeder anderen Spezies auf Erden. Mit anderen Worten: Hunde sind geborene Pluralisten! Und haben Sie sich, davon ausgehend, schon einmal gefragt, wie ein gemeiner Rauhaardackel das macht, eine, sagen wir, ausgewachsene dänische Doggen-Dame sofort als seinesgleichen zu erkennen und anzuerkennen? Jedes Meerschweinchen, jeder Fuchs stünde ihm dem Anschein nach näher. Und doch kriegt er es hin. Ein wahres, alltägliches Wunder! Ganz offenbar besitzen Hunde einen untrüglichen Riecher für die anderen unter ihresgleichen. Und zwar einen, der rein gar nichts mit menschlichen Begriffen und Klassifikationen zu schaffen hat, ja geradezu immun gegen diese ist.
Sagen wir: eine Form höchster, da sprachentzogener Anerkennungssicherheit. Was übrigens auch für das Verhältnis des Hundes zum Menschen gilt.
V. Bobby, der Kantianer
Von solch einer Erfahrung unbedingten, begriffsfernen Anerkennens handelt auch die berühmteste Hunde-Reflexion der westlichen Nachkriegsphilosophie. Sie stammt aus der Feder des französisch-jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas und geht auf seine Zeit als Kriegsgefangener in einem norddeutschen Lager zurück. Auch in diesem Lager, Stalag XI-B, wurden die jüdischen von ihren französischen Kampfkameraden getrennt und mit der Abkürzung PJ (für: prisonnier juif) versehen. Derart markiert, erinnert sich Lévinas, galten «wir selbst für die Kinder und Frauen des beiliegenden Dorfes nicht länger als Teil deren Welt», «sondern als Wesen», die «in ihrer ganz eigenen Spezies» gefangen waren.
Mit Ausnahme eines streunenden Schäferhundmischlings, der die Gefangenen jeden Morgen auf dem Weg zu ihren Arbeitseinsätzen schwanzwedelnd begrüsste, wie auch jeden Abend, wenn sie von den Wachen zurück ins Lager geführt wurden. Allein Bobby, wie er von den Gefangenen bald getauft wurde, wollte sie nach wie vor als das erkennen, was sie waren. Und gab ihnen so für die wenigen, kostbaren Momente seines Erscheinens ein Gefühl ihrer eigenen Würde zurück. «Ohne dass sein Gehirn eigener Maximen oder Universalisierungen bedurft hätte, war Bobby der letzte verbliebene Kantianer in Nazi-Deutschland», schliesst Lévinas seine Erinnerung. «Für ihn gab es keinen Zweifel, dass wir Menschen waren.»
Levinas war zeitlebens ein wahrer Hirte, ein wahrer Freund Israels. Wie Rüde Bobby, ganz offenbar, ein wahrer Menschenfreund.
VI. Bethlehem, Pennsylvania
Kein lebendes Wesen kann alles mit allen Sinnen wahrnehmen. Deshalb bedürfen wir unserer Vielfalt. Und mögen ihre Ohren noch so gespitzt sein, bezahlen zum Beispiel Hunde ihren unbestechlichen Riecher mit einer schier unbegreiflichen Taubheit für die Erhabenheit der Musik – insbesondere: klassischer Musik. Etwa: der Musik Bachs. Sie geht sie nichts an, berührt sie nicht. Auch meine eigene Rüdenseele, wenn ich so offen sein darf, leidet an solcher Beschränkung. Oder litt sehr lange daran. Bis es vor gut zweieinhalb Jahren in Sachen Bach zu einer Art Epiphanie kam und sich mit mir ein Ausgang in die wortferne Wahrheitszone seiner Kunst öffnete.
Es geschah in Bethlehem. Bethlehem, Pennsylvania. Bethlehem ist eine dieser amerikanischen Kleinstädte, gut 70’000 Einwohner, auf die es amerikanische Wahlforscher alle vier Jahre wieder ganz besonders abgesehen haben. Denn es liegt im Herzen eines sogenannten Battle-Ground-Staates: 50% Republikaner, 50% Demokraten. Sie kennen gewiss die Redeweise: «As goes Pennsylvania, so goes the Nation.» Und Bethlehem ist demographisch ein nahezu perfektes Abbild dieses Bundesstaates.
Gegründet wurde Bethlehem Mitte des 18. Jahrhundert von sogenannten Herrnhutern oder auch Moraviern; einer bis heute existierenden täuferisch-protestantischen Glaubensrichtung, deren Mitglieder einst aus Böhmen in die Neue Welt aufbrachen. Als hätten sie ihre politischen Überzeugungen der Bach’schen Pastoral-Kantate BWV 104 entnommen, wollten sie dort ein neues Arkadien aufbauen. Das heisst: auf Privatbesitz verzichten, ihre Gemeinschaft nach sogenannten Chören ordnen, streng pazifistisch leben sowie jeder Form von Sklaverei und Auslöschung von Indigenen widerstehen.
Bis heute finden sich finden sich auf den flachen Gräbern des Gottesackers von Bethlehem Steine mit indigenen Namen direkt neben denen von Hutterern. Auch ist es mehr als eine Sage, dass Moravier der zweiten Generation ein entscheidendes Wort mitsprachen, als 1776 im nahe gelegenen Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung formuliert und verabschiedet wurde. Bis heute ist Bethlehem, Pennsylvania, Heimstatt des ältesten und qualitativ besten Bach-Chors der USA, ausschliesslich bestückt mit Einwohnern der Gegend.
VII. Eine neue Hoffnung
Da sass ich also, ein eingeflogener Deutscher, und hörte diesem Chor beim Proben zu. Neunzig, wie man so sagt, ganz normale Amerikaner und Amerikanerinnen. Anmutig und hoch konzentriert brachten sie Bachs Wahrheit zum Klingen. Ich hätte weinen mögen, so erhaben war es. Denn das war sie, ganz offenbar, die beste denkbare Version dieses Landes der Freien; das war der Klang der vereinigten, polyphonen Staaten von Amerika. So könnte es sein. So war es erhofft. «E pluribus unum.»
Wie gesagt: Zweieinhalb Jahre und eine weitere Präsidentschaftswahl ist dieser Aufbruch nun her. Oder – je nach Rechnung – zweieinhalb Jahrhunderte.
Lassen Sie mich dennoch, oder gerade deshalb, mit einer Note der Hoffnung schliessen. Zum ersten Mal zu Gehör gebracht wurde die Kantante «Du Hirte Israel, höre» am 23. April 1724, Misericordias Domini – Hirtensonntag. Exakt zwei Wochen nach Ostern lässt Bach seine Leipziger Schäfer um ein abermaliges Ofenbaren des Höchsten und Erhabensten bitten: «Erscheine, der du sitzest über Cherubim!»
Was nun Bach an diesem Sonntag genauso wenig wissen konnte wie irgendein Sterblicher sonst: das Flehen seiner Hirten war nur wenige Stunden zuvor abermals erhört worden. Ein neues Kind ward dem Menschengelschlecht eingeboren. Schwächlich lag es in der Krippe, konnte kaum atmen, mit seiner so seltsam eingefallenen Brust, die ihm tatsächlich lebenslang grosse Kümmernis bereiten sollte. Womöglich wurde er von seinen Eltern auch deshalb auf den Namen «Gott sei mit uns» getauft. Oder eben: Immanuel.
Keine Erfindung. Kein Fake. Es ist wirklich geschehen, ja, «ich will singen von der Gnade des Herren, ewiglich».
Am Samstagabend des 22. April 1724 hatte in der ostpreussischen Stadt Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, Immanuel Kant das Licht der Welt erblickt. Und mit ihm Gedanken so klar und aufklärend, wie sie zuvor nie ein Mensch formuliert hatte. Ein erhabenes, unbedingtes Gesetz fand mit seinem Mund zur Sprache. Dem Anspruch nach weit über allen Cherubim stehend; mit der Kraft versehen, alle von uns vormals gezogenen Grenzen zu transzendieren, sowie der Hoffnung, jeden menschlichen Geist in freier Selbstbestimmung binden zu können. Ob seiner gewahrten Unbedingtheit für uns nannte Kant dieses Gesetz auch: kategorischer Imperativ. Es ist das Erhabenste, von dem wir wissen können: In seiner klarsten Formulierung lautet es: ihr Hirten Israels, höret!
«Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.»
Als Anrufung erscheint dieses radikal universale, aufklärerische Gesetz bis heute so offenbar richtig und wegweisend, dass man es selbst als eine Art Offenbarung lesen mag. Und wohl auch sollte. Um einmal mehr einen Ausgang aus der Dunkelheit der eigenen Zeit zu finden. Um in Frieden füreinander da zu sein.
VIII. Der Schafsbock
Ach, ich alter, deutscher Schafsbock – jetzt ist es doch eine Moralpredigt geworden.
Das wollten Sie, nicht wahr, doch auch gerade sagen.
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