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Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ

Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ

Kantate zum 4. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Alt und Tenor, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia, Fagott, Streicher und Basso continuo

Als Bach im Sommer 1732 nachträglich die Kantate BWV 177 in seinen 1724/25 entstandenen Choraljahrgang einfügte, hatte ihn Johann Agricolas altreformatorische Strophendichtung zu einer seiner konzentriertesten und musikalisch ausgefeiltesten Choralkantaten inspiriert. Dank seiner verfeinerten Instrumentierungskunst und eindrücklichen Textaneignung gelang es Bach dabei, eine für seine Zeit erstaunlich moderne und heute noch berührende Vertonung dieses urlutherischen Lebenskompasses vorzulegen, der ganz von der Bitte um den rechten Glauben geprägt ist.

Kantate zum 4. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Alt und Tenor, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia, Fagott, Streicher und Basso continuo Als Bach im Sommer 1732 nachträglich die…

Kantate zum 4. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Alt und Tenor, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia, Fagott, Streicher und Basso continuo

Als Bach im Sommer 1732 nachträglich die Kantate BWV 177 in seinen 1724/25 entstandenen Choraljahrgang einfügte, hatte ihn Johann Agricolas altreformatorische Strophendichtung zu einer seiner konzentriertesten und musikalisch ausgefeiltesten Choralkantaten inspiriert. Dank seiner verfeinerten Instrumentierungskunst und eindrücklichen Textaneignung gelang es Bach dabei, eine für seine Zeit erstaunlich moderne und heute noch berührende Vertonung dieses urlutherischen Lebenskompasses vorzulegen, der ganz von der Bitte um den rechten Glauben geprägt ist.

Das Werk im Kirchenjahr

ZUM KIRCHENKALENDER

Komponiert für

zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Nächster Termin am

20. Juni 2027

In 297 Tagen


Alle Werke zu diesem Anlass

Perikopen zum Sonntag

Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte.

Denn ich halte dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung. Denn auch die Kreatur wird frei werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnt sich mit uns und ängstet sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unseres Leibes Erlösung.

Denn ich halte dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung. Denn auch die Kreatur wird frei werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnt sich mit uns und ängstet sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unseres Leibes Erlösung.

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Mass wird man in euren Schoss geben; denn eben mit dem Mass, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: «Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Was siehest du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: ‹Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen›, – und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!» 150

Aufnahmen

Die Videos zur Werkeinführung, zum Konzert und zur Reflexion werden in Kürze veröffentlicht.

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Akteure

Solistinnen und Solisten

Chor

Sopran
Lia Andres, Linda Loosli, Simone Schwark, Susanne Seiter, Noëmi Sohn, Alexa Vogel

Alt
Anne Bierwirth, Antonia Frey, Laura Kull, Lea Scherer, Jan Thomer

Tenor
Manuel Gerber, Clemens Flämig, Christian Rathgeber, Walter Siegel

Bass
Fabrice Hayoz, Grégoire May, Valentin Parli, Philippe Rayot, Peter Strömberg

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Éva Borhi, Lenka Torgersen, Christine Baumann, Petra Melicharek, Ildikó Sajgó, Cecilie Valter, Aliza Vicente

Viola
Sonoko Asabuki, Matthias Jäggi, Rafael Roth

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Guisella Massa

Oboe
Andreas Helm, Thomas Meraner

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Mercedes Bunz

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
21.08.2026

Aufnahmeort
Teufen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Erste Aufführung
6. Juli 1732 in Leipzig

Textdichter
Johann Agricola (um 1528?)

Entstehung & Vertonung

Im dichtgefüllten Kalender der lutherischen Kirche der Bachzeit konnte es durchaus zu Überschneidungen kommen. Da das Fest Mariae Heimsuchung (Begegnung der schwangeren Mütter des Johannes und des Jesus, Lk. 1.39–40) im Juli 1724 auf den 4. Sonntag nach Trinitatis fiel und Bach daher das höherrangige Marienfest mit einer Kantate – in diesem Fall das vom Magnificat inspirierte «Meine Seel erhebt den Herren» BWV 10 – auszustatten hatte, ergänzte er erst nachträglich im Sommer 1732 mit der für den 4. Trinitatissonntag bestimmten Kantate BWV 177 diese «Leerstelle» seines Choral-Jahrgangs. Als Textgrundlage diente eine altreformatorische Strophendichtung, die Johann Agricola zugeschrieben wird, einem engen und engagierten Schüler Martin Luthers. Dieses innige Bittgebet in Liedform hat Bach zu einer seiner ausgefeiltesten Choralkantaten inspiriert, die ihren archaischen Reiz gerade aus dem Verzicht auf freie Textergänzungen gewinnt. Dank seiner verfeinerten Instrumentierungskunst und eindrücklichen Textaneignung gelang es Bach, eine erstaunlich vielschichtige und heute noch berührende Vertonung dieses urlutherischen Lebenskompasses vorzulegen. Die fortgesetzte Präsenz der Kantate in der Leipziger Kirchenmusik bis in die 1750er-Jahre hat womöglich damit zu tun, dass Bach mit ihr stilistisch «weiter ging», was sich in synkopierten Rhythmen und empfindsamen Vorhalten sowie der entspannt ausschwingenden Vokalität der Ariensätze ausdrückt.

1. Chor

Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ,
ich bitt, erhör mein Klagen,
verleih mir Gnad zu dieser Frist,
laß mich doch nicht verzagen;
den rechten Glauben, Herr, ich mein,
den wollest du mir geben,
dir zu leben,
mein’m Nächsten nütz zu sein,
dein Wort zu halten eben.

1. Chor

Das schöne Lied, dessen Zuschreibung an den Lutherschüler Johann Agricola nicht ganz gesichert ist, inspirierte Bach zu seiner Choralkantate «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» für den 4. Sonntag nach Trinitatis. Es ist eine von tief lutherischer Frömmigkeit geprägte Bitte um den rechten Glauben, um Unverzagtheit und Nächstenliebe. Bach hat dafür einen grundernsten g-Moll-Orchestersatz konzipiert, der dennoch sehr beweglich durchgeformt ist und durch die nur passagenweise Mitwirkung der Orgel einige klangliche Raffinesse aufweist. Dem auch durch die obligaten Oboen mitgeprägten melancholischen Satzcharakter wird in Gestalt der konzertierenden Solovioline eine Ahnung himmlischer Gnade beigemischt, die hörbar darin besteht, dass auf einen fragenden «Ruf» auch eine bekräftigende «Antwort» erfolgen könnte. Die besonders sprechend ausgearbeiteten Vorimitationen der vokalen Unterstimmen stützen die Sopranmelodie bei ihrem mit neun Zeilen anspruchsvoll ausgedehnten Choralvortrag.

2. Arie — Alt

Ich bitt noch mehr, o Herre Gott,
du kannst es mir wohl geben:
daß ich werd nimmermehr zu Spott;
die Hoffnung gib darneben,
voraus, wenn ich muß hier davon,
daß ich dir mög vertrauen
und nicht bauen
auf alles mein Tun;
sonst wird mich’s ewig reuen.

2. Arie — Alt

Die zweite Strophe des Liedes setzt das Bittgebet fort – jetzt sind es Festigkeit und Unabhängigkeit vom Urteil anderer, um die gebeten wird, sowie die Hoffnung auf ewiges Leben, Gottesvertrauen und keine falsche Selbstbezogenheit. Der dem Alt anvertraute und kleinteilig ausfigurierte Textvortrag bekommt durch ein beibehaltenes lakonisch-kraftvolles Continuo-Motiv innere Festigkeit und dauernde Überzeugungskraft.

3. Arie — Sopran

Verleih, daß ich aus Herzens Grund
mein’ Feinden mög vergeben,
verzeih mir auch zu dieser Stund,
gib mir ein neues Leben;
dein Wort mein Speis laß allweg sein,
damit mein Seel zu nähren,
mich zu wehren,
wenn Unglück geht daher,
das mich bald möcht abkehren.

3. Arie — Sopran

In der dritten Strophe, welche die Mitte des Liedes markiert, wendet sich der Blick auf das Zwischenmenschliche mit den Bitten um Vergebung und die Kraft, selber vergeben zu können, sowie um Erneuerung des Lebens und Offenheit für ein «nährendes» Gotteswort. Obwohl auch diese Arie mit einem demütig absteigenden Themenkopf beginnt, entfaltet die im warmen Es-Dur angesiedelte Vokalkantilene bemerkenswerten Edelmut. Die atmende Fülle der Oboe da caccia passt perfekt zu diesem Grundaffekt der Vergebung und Versöhnung.

4. Arie — Tenor

Laß mich kein Lust noch Furcht von dir
in dieser Welt abwenden,
Beständigsein ans End gib mir,
du hast’s allein in Händen;
und wem du’s gibst, der hat’s umsonst:
es kann niemand ererben
noch erwerben
durch Werke deine Gnad,
die uns errett’ vom Sterben.

4. Arie — Tenor

Weder Lust noch Furcht – so die vierte Bitte – sollen von Gott wegführen: die Bitte um Beständigkeit und die Gewissheit, dass Gott alles in seinen Händen habe, dass er es «umsonst» gebe – und niemand daher die Gnade Gottes ererben oder erwerben könne, die vor dem Verderben bewahrt. Die in Bachs Œuvre nahezu einzigartige Kombination aus konzertierender Violine und Solofagott sorgt im Verein mit den ebenfalls virtuosen Linien des Tenors und Generalbasses für eine Aura emsig-vertrauenden Strebens. Zugleich macht sie womöglich die zwischen Himmel und Erde ausgespannten Dimensionen aus, in denen sich dieses menschliche Bemühen erfüllen und bewähren muss.

5. Choral

Ich lieg im Streit und widerstreb,
hilf, o Herr Christ, dem Schwachen!
An deiner Gnad allein ich kleb,
du kannst mich stärker machen.
Kömmt nun Anfechtung, Herr, so wehr,
daß sie mich nicht umstoße.
Du kannst maßen,
daß mir’s nicht bring Gefahr;
ich weiß, du wirst’s nicht lassen.

5. Choral

Die Schlussstrophe des Chorals spricht vom inneren Widerstreit des frommen Beters. Sie schliesst mit der Bitte um Bewahrung vor aller Gefahr und Anfechtung. Der beweglich ausgearbeitete Choralsatz erhält durch die mitlaufenden Instrumente des Gesamtorchesters einen wie von Ferne schimmernden Glanz.

J. S. Bach-Stiftung Bildmarke
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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

J. S. Bach-Stiftung Bildmarke
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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

Mercedes Sabine Bunz, King’s College London

Über das Zusammenleben

Bachs Kantate «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» (BWV 177) klingt, als käme sie aus einer geordneteren Welt — tatsächlich sind Text und Vertonung inmitten konfessioneller Unruhe entstanden. Mein Beitrag liest die Kantate als Zeitdokument: Agricolas Liedtext von 1530 fällt in die Anfangsjahre der Reformation, deren Konflikte Europa erschütterten und 1597 auch zur Teilung des Kantons Appenzell führten; Bachs Vertonung von 1732 fällt in das Jahr der Salzburger Zwangsemigration, deren Flüchtlingstrecks durch Leipzig zogen und in der Stadt versorgt wurden. Von dort aus geht der Beitrag einer zweiten Variation von ‹Zusammenleben› nach — nicht nur mit dem Nächsten und Andersgläubigen, sondern auch mit digitaler Technologie. Anders als beim Musikinstrument unterstellen wir der Technik, sie funktioniere ohne Übung. Bachs eigener Weg vom Skeptiker des Fortepianos zu dessen Fürsprecher dient, mit Donna Haraway gelesen, als Modell für einen Umgang mit KI, der gesellschaftlich leider noch in der sogenannten Quietsche-Phase steckt. Aber es gibt, das zeigt uns die Geschichte von BWV 177, auch Grund zu einem Funken von Hoffnung, dass sich die Harmonie nicht nur in der Musik ereignet.

Die Rolle, Ihnen ein paar Worte zwischen der zweimaligen Aufführung von Bachs Kantate «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» mitzugeben, ist, wie Sie sich denken können, eine Herausforderung. Warum sollte man etwas sagen, um die Schönheit der Musik, die Ruhe und Ordnung dieses regelgeleiteten Gefüges zu unterbrechen. Und was sagen? Was kann neben Musik bestehen, die scheinbar aus einer anderen, harmonischeren Welt zu uns herüberklingt?

Anders als in unserer wirklichen Welt, also draussen vor dieser Kirche, finden wir uns hier inmitten einer Komposition, in welcher die musikalischen Elemente in einem verbindlichen Verhältnis zueinander stehen; getragen von einem stabilen Fundament, manchmal kontrapunktisch, doch verbunden durch engverwandte Tonarten und eine gleichmässige Motorik. Anders als in der Welt dort draussen bindet uns die Musik ein in eine Formenfamilie, die Gesangsstimmen und Chor harmonisch mit der Instrumentalbegleitung bilden. Fast als wolle uns die Musik sagen: «Zusammenleben? Geht doch!»

Diesen Satz möchte ich, angeregt von der Kantate, zum Thema meines kurzen Zwischenspiels machen – natürlich mit Variationen und in mehreren Sätzen, wie es sich für eine Kantate gehört. Mir geht es dabei darum, die Kantate als Ausgangspunkt für einen Streifzug durch Bachs eigene Zeit zu lesen und von Bach aus auf uns zu blicken. Und als Expertin für digitale Technologie geht es mir zweitens natürlich auch ein wenig darum, mein eigenes Feld einzubringen.

Wie soll das wohl gehen, fragen Sie sich jetzt sicher. Manche von Ihnen denken vielleicht auch: Muss das sein? Nicht einmal in der Kirche oder während eines klassischen Konzertes entkommt man der Digitalisierung oder dem Unsinn der Welt. Nun, lassen wir uns von der Musik und ihrer Situation ein wenig dabei helfen, besser mit dem Unsinn unserer menschlichen Welt klarzukommen.

Text und Musik der Kantate und die Unruhe ihrer eigenen Zeit

Dass die menschliche Welt immer unruhig und von Spannungen durchzogen war, ist natürlich nichts Neues. Der Text der Kantate selber entsprang dieser Unruhe. «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» wurde von Johannes Agricola etwas mehr als ein Jahrzehnt nach dem Beginn der Reformation um 1530 herum geschrieben, wenige Jahre bevor Agricola sich 1537 endgültig mit Luther zerwarf.

Nun gab es eine Unruhe nicht nur zwischen diesen beiden, sondern ihre Zeit war insgesamt eine Unruhe: Ganz Europa wurde von den Konfessionskriegen zwischen evangelischen und katholischen Mächten erschüttert. Darum geht es auch im vertonten Text, der den «rechten Glauben» besingt. Um den hatten sich auch hier in der Schweiz die Menschen zerworfen: 1597 führte der Glaubenskonflikt zur (allerdings friedlichen) Teilung des Kantons Appenzell: Innerrhoden blieb katholisch, Ausserrhoden wurde evangelisch. Zu letzterem gehörte natürlich auch diese evangelische Kirche hier. Der Text spiegelt also eine Unruhe.

Interessanterweise war nicht nur die Text-Entstehung, sondern auch die Kompositionssituation von Unruhe durchzogen – einer Unruhe, die heute wieder zu uns spricht: Agricolas Text aus dem Jahr 1530 war, als Bach ihn 1732 zum zweiten Mal vertonte, nicht alt, sondern gültig. Und zwar doppelt: zum einen war er ein kirchliches Wochenlied geworden – die Kirche und nicht Bach hatte den Text gewählt. Trotzdem kann man annehmen, dass der Komponist wie auch die Kirchgänger durch diesen Text hindurch die zeitgenössischen Geschehnisse in ihrer eigenen Zeit hörten.

Aber machen wir nochmal einen Schritt zurück: Als Agricola zu Beginn der Reformation diesen Text verfasste, thematisierte er den rechten Glauben, dessen Anfechtungen, Zweifel und Verzagen, die Angst, zum Gespött zu werden, die Bitte, dem Feind vergeben zu können, und die Hoffnung auf Schaffung des neuen Lebens. Zweihundert Jahre später, zu Bachs Zeit, hatte dieser Text aus ähnlichen Gründen eine neue Aktualität, die leider heute wieder unter uns rumort.

Obwohl der Westfälische Friede den Glaubenskriegen ein Ende gesetzt hatte, hielten sich nicht alle dran. Als Bach das Lied «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» vertonte, erlebten Anhänger des evangelischen Glaubens deshalb vieles ein weiteres Mal: die Anfechtung des Glaubens, die Angst, wieder einmal zum Gespött zu werden, und den Zwang zur Schaffung eines neuen Lebens.

Der Grund: Am 31. Oktober 1731 hatte der Salzburger Fürsterzbischof Leopold Anton von Firmian eine Verordnung erlassen, die mit den Regeln des Westfälischen Friedens brach; mit Absicht hatte man für die Verkündung des Erlasses verhöhnend den zweihundertsten Jahrestag der Reformation gewählt. Die Verordnung befahl den nicht ansässigen Protestanten, das heisst Knechten, Mägden, Tagelöhnern, die Region innerhalb von acht Tagen zu verlassen; Kinder unter zwölf Jahren mussten sie per Verordnung zurücklassen. Besitzenden, also Bauern mit einem grösseren Hof, liess man mehr Zeit, zwischen zwei und drei Monaten. Der Verkauf von Höfen unter Zeitdruck kam dennoch faktisch einer Enteignung gleich.

Ähnlich wie bei Trumps Einsatz der militarisierten «ICE-Truppen» holte Firmian zur Durchsetzung kaiserliche Truppen ins Land. Dagegen wurden von Protestanten alle möglichen politischen Stricke gezogen, doch die erste Frist – acht Tage – war zu kurz. Tausende mittellose Protestanten wurden im Winter auf die Reise zu evangelischen Städten geschickt, bevor Firmian zur Mässigung gedrängt wurde und einen längeren Zeitrahmen erlaubte.

Die ruhige Musik Bachs steht im Gegensatz zur Salzburger Zwangsemigration von 1731/32, welche als grösste mitteleuropäische konfessionelle Vertreibung nach dem Westfälischen Frieden bezeichnet werden kann. Sie betraf rund 20 000 Menschen, etwa ein Sechstel der Bevölkerung des Erzstifts. Nach dem Winter machten sich im Frühjahr und Sommer 1732 — dem Jahr, in dem Bach die Kantate komponierte — grosse Flüchtlingstrecks auf den Weg nach Preussen, welches sich bereitgefunden hatte, sie aufzunehmen. Auf dem Weg in den Norden kamen sie in der protestantischen Hochburg Leipzig vorbei, wo Bach lebte und arbeitete. Dort wurden die «Exulanten» verpflegt, mit Kleidung und Spenden versorgt und durch Sondergottesdienste geehrt, an denen sich auch die Thomaskirche beteiligte.

Bach hatte also Kenntnis von dieser Situation, seine Musik spricht zu ihr. Und leider ist diese Situation – Kriege am Horizont, Migration, Vertreibung – heute auch wieder unsere, leider haben deshalb auch Musik und Text nichts von ihrer Aktualität verloren.

Damals wie heute leben wir in einer Zeit, in der es gilt, um Nächstenliebe zu bitten und zu beten, inklusive der eigenen – die meisten von uns hier in dieser Kirche (und da schliesse ich mich ein) finden sich wohl in betuchtere Leben eingebettet. So können wir hoffen, dass unsere eigene Nächstenliebe für andere in Not genügt und nicht verzagt oder versiegt. Und dass wir, die wir heute weniger durch einen gemeinsamen Glauben als durch gemeinsam erlebte Klimakatastrophen, globale Wirtschaften und weltweite Reisen verbunden sind, es schaffen werden, zu einer besseren, harmonischeren Vielheit und Mannigfaltigkeit auf unserem Planeten zusammenzurücken, eben wie die einzelnen Instrumenten- und Gesangstimmen in Bachs Musik.

Was wir hören, ist also kein Klang aus einer anderen, geordneteren Zeit, sondern Klang, der eine tiefe harmonische Bindung mit Bitten, Ängsten und Problemen vermischt und durch die Musik den Glauben, oder besser noch: das Wissen, dass etwas Besseres, Schöneres, Ruhigeres, Harmonischeres möglich ist, herausstellt. Die Musik vertont, dass es das Harmonische trotz allem gibt. Und tatsächlich lässt uns unsere eigene Geschichte ja hoffen.

Die Konfessionskriege waren lang, sie schienen endlos, zogen sich über Jahrhunderte hin, aber wir haben sie überwunden. Katholiken und Protestanten, einst so feindlich, dass die Harmonie nur in der Musik gefunden werden konnte, haben ihre Verschiedenheiten bewältigt und gelernt, anstelle der Unterschiede ihre Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen.

Das war einst undenkbar – und dass es möglich ist, die Harmonie aus der Musik in die wirkliche Welt zu übertragen, daran sollten wir uns durch die Musik hindurch heute erinnern. Und noch mehr: Bach und Bachs Musik leben uns auch weitere Weisen vor, an denen wir uns ein Vorbild nehmen könnten.

Vom Üben und Zusammenleben mit Technologie

Damit möchte ich zum zweiten Teil des Themas kommen, das mich aus Bachs Musik und meiner Recherche dazu ansprang: Zusammenleben. Erleben wir doch, die wir hier sitzen und den Musikern lauschen, eine Verlangsamung, die uns in unserer alltäglichen Welt fehlt, in der uns Emails, Anrufe auf dem Handy und lautes Social-Media-Bildschirmrollen allerorten verfolgen. Oder könnten wir es vielleicht so machen wie Bach? Die Harmonie zur Unruhe hintragen? Könnten wir, anstelle vor dem Digitalen zu fliehen, die Verlangsamung hin zum Digitalen tragen?

Oft begreifen wir Technologie als einen Gegenpol zur Kultur, denn leider haben wir uns dazu verleiten lassen, Technologien, vor allem digitale Technologien, ausschliesslich als ökonomische Konstrukte zu begreifen. Es gibt wenig Ideen, von digitalen Technologien etwas anderes zu wollen – und kaum Herangehensweisen, welche überlegen, wie man mit diesen Technologien soziale Verbesserungen, kulturelle, gesellschaftliche, vielleicht sogar christliche Werte hervorbringen kann. All das steht in unserer post-neoliberalen Zeit viel zu selten im Vordergrund.

Wie besser mit zeitgenössischer Technologie zusammenleben? Viel zu oft verlangen wir von Technologien, dass sie funktionieren, anstatt sie als Instrumente zu verstehen, deren Einsatz wie jener der Musikinstrumente geübt werden muss: als Benutzer wie auch als Gesellschaft. Doch digitale Technologie, auch KI, kann man nicht wie ein Musikinstrument einfach einsetzen.

Musik ist eines der Gebiete, von dem man für ein besseres Zusammenleben mit Technologien viel lernen kann. Steht in ihrem Zentrum doch eine Technologie: das Instrument zur Tonerzeugung. Gleich ob Violine, Bass, Oboe, Fagott oder auch Gesangsstimme, wie unsere exzellenten Solisten und auch der wunderbare Chor zeigen: Für eine gelungene Tonerzeugung braucht es Übung.

Nicht nur unsere Musiker hier, sondern auch die Eltern, Kinder und Nachbarn unter Ihnen haben diese Erfahrung gemacht: Klavier, Geige oder Trompete zu spielen beginnt immer mit ersten kläglichen Versuchen.

Man muss üben, üben, üben, man muss wiederholen, um den Ton zu treffen. Kann man das, muss man das Zusammenspiel üben, damit wir als Zuhörer genau das hören: die Musik als ein virtuoses Violinkonzert, über dem der Chor schwebt, als Klangrede eines älteren, tiefen Gottvertrauens. Doch bei der digitalen Technologie bilden wir uns ein, dass Üben nicht notwendig ist. Warum eigentlich?

Und eben das können wir von dieser anderen Technologie, der Musik, lernen: Am Beginn klappt das Zusammenleben selten und nie perfekt, aber Übung macht den Meister. Ein Instrument hat einen ganzen Bogen an Klängen auf Lager, vom Quietschen zum wohltemperierten Ton. Digitale Technologie ist hier auch nicht anders.

Wir wissen, dass man ein Instrument nicht ohne Aufwand ‹beherrscht›. Wir haben verstanden, dass das Instrument eingestellt, gestimmt, verbessert werden kann – auch von Bach. Es ist bekannt, dass Bach am Anfang noch ein Skeptiker des Fortepianos war. Als er das in Italien erfundene und von Gottfried Silbermann 1732 nachgebaute Hammerklavier das erste Mal ausprobierte (übrigens im Kompositionsjahr unserer Kantate), zeigte er sich Überlieferungen zufolge noch wenig begeistert.

Er bemängelte den schwachen Diskant-Klang und die zu schwere Mechanik. Später dann, nach seinem Potsdamer Besuch 1747 bei Friedrich dem Grossen, änderte er seine Meinung. Das inzwischen verbesserte Silbermann-Fortepiano schien ihm nun überzeugend. Er unterstützte sogar Silbermann beim Vertrieb der neuen Instrumente, die von der nächsten Generation, wie seinem Sohn Carl Philipp Emanuel, mit offenen Armen bzw. Fingern angenommen wurden; dass die junge Generation ihre Finger begeisterter als die alte über neue Plattformen wandern lässt, ist heute noch so.

Hier zeigt uns die Musik mal wieder: ein Zusammenleben mit Technologie, das geht. Das geht sogar sehr gut. Oder um es mit der amerikanischen Philosophin und Feministin Donna Haraway (1991:258) zu sagen:

Die intensive Freude am Können – am maschinellen Können – ist keine Sünde, sondern ein Aspekt der Verkörperung. Die Maschine ist kein «Es», das beseelt, verehrt oder beherrscht werden müsste. Die Maschine sind wir, unsere Prozesse, ein Aspekt unserer Verkörperung. Wir können Verantwortung für Maschinen übernehmen; sie beherrschen oder bedrohen uns nicht.

Zusammenleben also: mit dem Nächsten, mit dem Andersgläubigen, mit dem Fortepiano und mit den digitalen Technologien. Ein wenig können wir uns dabei an Bach halten – erst Skepsis, dann Übung, dann Annahme. Das lässt für uns hoffen, auch wenn unsere Gesellschaft in Bezug auf die digitale Technologie der KI noch in der ‹Quietsche-Phase› steckt. Für die nächste halbe Stunde und für die Bachtage insgesamt können wir das Zusammenleben in seiner einfachsten Form üben, indem wir gemeinsam zuhören.

Dazu braucht es nur eine einzige technische Fertigkeit, an der wir als Gesellschaft im Moment noch arbeiten – den mobilen Lautlos-Schalter. Das funktionierte beim Konzert heute ja schon sehr gut. Die Fähigkeit ist, anders als ein Violinkonzert, in etwa zwei Sekunden zu meistern, und ich würde vorschlagen, wir üben das gleich weiter während der Bachtage alle zusammen. Und danach übernimmt Bach. Danke fürs Zuhören.

Bibliografie

Florey, Gerhard 1986. Geschichte der Salzburger Protestanten und ihrer Emigration 1731/32. Böhlau.
Haraway, Donna J. 1991. Cyborgs: A Myth of Political Identity, in: Simians, Cyborgs, and Women by Donna Haraway, 249–259. Routledge.
Kjeldgaard-Pedersen, Steffen 1983. Gesetz, Evangelium und Buße. Theologiegeschichtliche Studien zum Verhältnis zwischen dem jungen Johann Agricola (Eisleben) und Martin Luther. Brill.
Walker, Mack 1997. Der Salzburger Handel: Vertreibung und Errettung der Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht.
Weishaupt, Achilles 2001. «Appenzell (Kanton)», Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), https://hls-dhs-dss.ch/articles/007389/2019-10-25/#HVonderReformationzurLandteilung28159729

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