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Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei

Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen seit Jahrtausenden die Geschichte der Politik wie der Religion – Bachs entlang dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner entwickelte Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 dient hierzu als zeitloseindringliche Warnung. Über manch eifernde barocke Sprachbilder hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein.

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit…

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen seit Jahrtausenden die Geschichte der Politik wie der Religion – Bachs entlang dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner entwickelte Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 dient hierzu als zeitloseindringliche Warnung. Über manch eifernde barocke Sprachbilder hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein.

Das Werk im Kirchenjahr

ZUM KIRCHENKALENDER

Perikopen zum Sonntag

Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte.

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet, durch welches ihr auch selig werdet: welchergestalt ich es euch verkündigt habe, so ihr’s behalten habt; es wäre denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift und dass er begraben sei und dass er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen. Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt, gesehen worden. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, darum dass ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die in mir ist.

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet, durch welches ihr auch selig werdet: welchergestalt ich es euch verkündigt habe, so ihr’s behalten habt; es wäre denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift und dass er begraben sei und dass er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen. Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt, gesehen worden. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, darum dass ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die in mir ist.

Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermassen, dass sie fromm wären, und verachteten die andern, ein solch Gleichnis: «Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: ‹Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe.› Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: ‹Gott, sei mir Sünder gnädig!› Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.»

Aufnahmen

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Akteure

Solistinnen und Solisten

Chor

Sopran
Cornelia Fahrion, Simone Schwarz, Noëmi Sohn, Nad Noëmi Tran-Rediger, Alexa Vogel, Ulla Westvik

Alt
Antonia Frey, Laura Kull, Lea Scherer, Jan Thomer, Lisa Weiss

Tenor
Manuel Gerber, Florian Glaus, Klemens Mölkner, Joël Morand

Bass
Jean-Christophe Groe, Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Grégoire May, Philippe Rayot

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Éva Borhi, Péter Barczi, Dorothee Mühleisen, Ildikó Sajgó, Lenka Torgersen, Cecilie Valter

Viola
Martina Bischof, Matthias Jäggi, Anne Sophie van Riel

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Rodrigo López Paz, Clara Espinosa Encinas

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Thomas Strässle

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
25.09.2026

Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Erste Aufführung
8. August 1723 in Leipzig

Textdichter
Unbekannter Dichter
Satz 1: Jesus Sirach 1, 34.
Satz 6: Ich armer Mensch, ich armer Sünder (C. Tietze, 1663), Strophe 1

Entstehung & Vertonung

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen von jeher die Geschichte der Religion wie der Politik und der Gesellschaft insgesamt. Bachs für den 11. Sonntag nach Trinitatis (8. August) 1723 geschriebene Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 stellt entsprechend den vorgeschriebenen Evangeliumstext Lukas 18.9-14 ins Zentrum. Um dieses ernste Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner herum entwickeln Bach und sein unbekannter Librettist eine zeitlos-eindringliche Warnung vor Unehrlichkeit und auf bloss äusserlichen Regelvollzug setzende Heilsgewissheit. Über eifernde barocke Sprachbilder wie etwa die innerlich verfaulten «Sodomsäpfel» hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein. Gleiches gilt für die Sopranarie «Liebster Gott, erbarme dich», die mit neuer Instrumentierung in das textlich und affektmässig verwandte «Qui tollis peccata mundi» der Missa A-Dur BWV 234 einging.

1. Chor

«Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei,
und diene Gott nicht mit falschem Herzen!»

1. Chor

Für den Eingangschor wählt der unbekannte Textdichter das Wort aus Jesus Sirach 1, 34 (einer Spätschrift des Alten Testaments): «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» – eine Warnung vor allem Gottesdienst «mit falschem Herzen». Damit wird das Proprium des Sonntags eingeführt, das mit dem Text vom Pharisäer und Zöllner (Lk. 18) Heuchelei und die rechte Gottesfurcht ins Zentrum stellt. Bach entwirft dafür eine vom Continuo begleitete und von den Instrumenten verdoppelte Vokalfuge alter Art, deren kantabel-bogenförmige Linienführung und gestische Sprachbehandlung dem Satz dennoch eindringliche Modernität verleihen. Dass das Schlüsselwort «Falschheit» als chromatischer Abstieg dargestellt wird, verfehlt seine Wirkung nicht.

2. Rezitativ — Tenor

Das heutge Christentum
ist leider schlecht bestellt:
Die meisten Christen in der Welt
sind laulichte Laodizäer
und aufgeblasne Pharisäer,
die sich von außen fromm bezeigen
und wie ein Schilf den Kopf zur Erde beugen;
im Herzen aber steckt ein stolzer Eigenruhm.
Sie gehen zwar in Gottes Haus
und tun daselbst die äußerlichen Pflichten;
macht aber dies wohl einen Christen aus?
Nein! Heuchler könnens auch verrichten!

2. Rezitativ — Tenor

Das Tenorrezitativ spricht in der Tonlage einer ernsten Mahnpredigt von den meisten heutigen Christen als «laulichte Laodizäer» (jene aus Laodizäa, die gemäss Sendschreiben der Apokalypse Kap. 3.14-16 «lau und weder warm noch kalt» sind) und «aufgeblasne Pharisäer» (wie jener in Lk. 18), welche sich äusserlich tief zum Gebet neigen (wie jener wie Schilf in Jes. 58,5), aber eigentlich nichts anderes als fromme Heuchler sind! Bach fasst diese Generalabrechnung in einen sachlichen Vortrag, der im präzisen Detail Selbstüberhebung und vorgetäuschte Frömmigkeit entlarvt.

3. Arie — Tenor

Falscher Heuchler Ebenbild
können Sodomsäpfel heißen,
die mit Unflat angefüllt
und von außen herrlich gleißen.
Heuchler, die von außen schön,
können nicht vor Gott bestehn.

3. Arie — Tenor

Die Tenorarie widmet sich den Heuchlern nun im Bild der «Sodomsäpfel», jener ungeniessbaren Früchte, die nicht in der Bibel, aber bei Tacitus und bei Josephus genannt sind: Wie jene sähen sie von aussen herrlich aus, innen aber seien sie «mit Unflat angefüllt» – solche Christen können vor Gott nicht bestehen. Der schwungvollen Musik eignet eine inwendige Schärfe, die in leer kreisenden Figurationen das gleisnerische Strahlen erheuchelter Selbstverehrung demaskiert.

4. Rezitativ — Bass

Wer so von innen wie von außen ist,
der heißt ein wahrer Christ.
So war der Zöllner in dem Tempel:
der schlug in Demut an die Brust,
er legte sich nicht selbst ein heilig Wesen bei;
und diesen stelle dir,
o Mensch, zum rühmlichen Exempel
in deiner Buße für!
Bist du kein Räuber, Ehebrecher,
kein ungerechter Ehrenschwächer:
ach, bilde dir doch ja nicht ein,
du seist deswegen engelrein!
Bekenne Gott in Demut deine Sünden,
so kannst du Gnad und Hülfe finden!

4. Rezitativ — Bass

Im Bassrezitativ wird der wahre Christ nach dem Gleichnis des Sonntagsevangeliums Lukas 18 vom demütigen Zöllner gezeichnet: ein «rühmliches Exempel» in seiner Selbstkritik, Busse und Demut. So solle jeder Christ Gott seine Sünden bekennen, um Gottes Gnade teilhaftig zu werden! Mit der sonoren Basslage eines «wahrhaften Christentums» setzt Bachs Musik der «Checkliste» des Mosaischen Dekalogs («Räuber?», «Ehebrecher?») den erlösenden Zusammenhang von Demut und Gnade entgegen.

5. Arie — Sopran

Liebster Gott, erbarme dich:
laß mir Trost und Gnad erscheinen!
Meine Sünden kränken mich
als ein Eiter in Gebeinen,
Hilf mir, Jesu, Gottes Lamm,
ich versink in tiefen Schlamm!

5. Arie — Sopran

Die Sopranarie ist ein Gebet mit der Bitte um Erbarmen, Trost und Gnade: Sünden kränken den bussfertigen Christen, und überaus metaphernfreudig fühlt er sie wie «Eiter in den Beinen» (leider erliegt der Librettist hier der Versuchung, «Gottes Lamm» mit dem gefährlichen «Schlamm» zu reimen). Die über der aparten Klanglichkeit zweier Oboen da caccia ausgespannte Sopranstimme zeichnet das Bild einer zwischen Reue und Hoffnung durchlebten Passion.

6. Choral

Ich armer Mensch, ich armer Sünder
steh hier vor Gottes Angesicht.
Ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder
und geh nicht mit mir ins Gericht!
Erbarme dich, erbarme dich,
Gott, mein Erbarmer, über mich!

6. Choral

Der Textdichter wählt für den Schlusschoral die 1. Strophe des Liedes «Ich armer Mensch, ich armer Sünder» von Christian Tietze (1663), und so finden die Bussgesinnung der ganzen Kantate sowie die darin angemahnte Hoffnung auf Gottes Erbarmen ihre Zusammenfassung. Die selbst für Bachs Verhältnisse dichten und schmerzvollen Durchgänge der Mittel- und Unterstimmen lassen diesen Choral weniger als zuversichtliche Bekräftigung denn als innerer Verzweiflung abgerungenes «vielleicht ja doch» erscheinen.

J. S. Bach-Stiftung Bildmarke
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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

Thomas Strässle

Es ist alles eitel

«Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei»: Das ist für heutige Ohren eigentlich ein etwas komischer Titel. Siehe zu? «Sieh zu, dass du um sechs Uhr zum Abendessen wieder hier bist», sagte jeweils meine Mutter, wenn ich mich an freien Nachmittagen nach dem Mittagessen verabschiedete mit dem Hinweis, ich würde jetzt in den Wald gehen, um mit meinen Freunden zu spielen. «Sieh zu, dass du um sechs Uhr wieder hier bist», hiess nach meinem Verständnis so viel wie: Es wäre schon sehr gut, wenn du dann wieder hier wärst, es gibt dann nämlich Abendessen, also bitte, halte dich an unsere Spielregeln. Und es hiess zugleich: Bis dahin bist du frei und darfst machen, was du willst.

Das ist natürlich ein modernes Verständnis von «Siehe zu», und vielleicht haben Sie diese Wendung auch ganz anders erlebt als ich. Und dennoch, auch im barocken Sprachgebrauch ist «Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» keine Rhetorik des Gebots, kein Steintafelsatz wie «Du sollst nicht töten» oder «Du sollst nicht ehebrechen», sondern eine Rhetorik der Mahnung, vielleicht der Aufforderung, mithin der Ermunterung oder sogar der Ermutigung.

Der biblische Ursprung und Kontext dieses Zitats aus dem Buch Jesus Sirach wurde uns schon auf wunderbare Weise vor Augen geführt, und so will ich auf einen anderen Aspekt hinaus: auf den Aspekt von Identität und Differenz zwischen innen und aussen. Ohne ein Innen und Aussen kann es gar keine Heuchelei und auch nicht ihr Gegenteil geben, nämlich die Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit. «Wer so von innen wie von außen ist, / Der heißt ein wahrer Christ», lautet das Incipit des Bass-Rezitativs in Bachs Kantate. «Wer so von innen wie von außen ist»: Ist das wirklich ‹nur› ein religiöses Ideal, oder taugt es nicht auch als weltliche Maxime in einer Zeit, die so sehr auf Aussenwirkung bedacht ist wie die unsere?

Aber war es jemals anders? Dass das Innen nicht wie das Aussen sein könnte, dass das Äussere einen trügerischen Eindruck vom Inneren erwecken könnte, ist jedenfalls ein Gedanke, der in der Barockliteratur immer und immer wieder vorkommt. Es gibt dafür unzählige Bilder und Gleichnisse. In Bachs Kantate findet sich ein besonders anschauliches Beispiel. In der Tenor-Aria heisst es: «Falscher Heuchler Ebenbild / Können Sodomsäpfel heißen, / Die mit Unflat angefüllt / Und von außen herrlich gleißen.» Das ist drastisch und dramatisch, aber es ist nicht aussergewöhnlich. Im Barock wimmelt es nur so von solchen Gleichnissen. Und bezeichnenderweise läuft es immer nur in die eine Richtung: dass ein anziehendes Äusseres über ein schreckliches Inneres hinwegtäuschen könnte. Das Gegenteil kommt so gut wie nie vor, so denkbar es an sich wäre, dass nämlich ein schreckliches Äusseres ein edles Inneres verbirgt. Und das ist vielleicht nicht wenig aussagekräftig für das Menschengeschlecht.

Das Problem, dass Äusseres und Inneres nicht in Einklang miteinander stehen könnten, stellt sich vor allem da, wo sich der theologische Verdacht regt, dass jemand kein wahrer Christ sei. In der Barockliteratur betrifft dies in erster Linie Texte, die einen satirischen Charakter haben – und das sind nicht die schlechtesten. Zumindest sind es die, die wir heute vor allem noch kennen, denken Sie nur an Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Abentheurlichen Simplicissimus Teutsch. Solche Texte könnten den Verdacht erregen, dass der Verfasser die Leute nur unterhalten, nicht aber erbauen wolle, und deshalb finden sich darin sehr oft Passagen, in denen genau dieser Verdacht ausgeräumt werden soll – indem behauptet wird, dass das anziehende Äussere eine ganz gezielte Strategie sei, um die Leute anzulocken und ihnen dann unbemerkt die heilsame Lehre zu verabreichen, die sich im Inneren des Textes verberge. Am geläufigsten ist vielleicht das Bild der überzuckerten oder vergoldeten Pille, in der ein heilsamer Stoff steckt, der vom Publikum idealiter aber nicht als störend wahrgenommen wird – in ihrem Täuschungseffekt nicht unähnlich den von aussen herrlich gleissenden Sodomsäpfeln.

Das höchste Ideal besteht freilich darin, dass die geistliche Lehre die Schmackhaftigkeit des Textes nicht nur nicht stört, sondern überhaupt erst ermöglicht. Und das schafft nur das Salz, der heilige Stoff, den Sie alle aus der Bibel kennen («Ihr seid das Salz der Erde» usw.) und der zum Beweis seiner Göttlichkeit in den heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Lateinisch mit drei Buchstaben geschrieben wird – Zeichen der Trinität. Denn bei Georg Philipp Harsdörffer, zu seiner Zeit ein berühmter Autor, heisst es einmal: «Der Poet soll sich befleissigen, vernünftige Lehrsprüche einzumischen / und von der Sache selbst herzuführen / jedoch sollen solche nicht zuviel mit Haaren herbeigezogen werden. Deswegen etliche den beredten Seneca beschuldigen / dass er zuviel dieses Bisams seinen Sendschreiben eingestreut / welcher allzu starke Geruch des Lesers Gehirn vielmehr schwäche / als stärke. Andere vergleichen besagte Lehrsprüche mit dem Gewürz / welches mässig und mit Verstand gebraucht / Nutze und Lust zu der Speise mache / welcher Meinung vielleicht auch S. Paulus sagt: Dass der Christen Rede mit Salz (das ist erbaulicher Lehre) soll gewürzt sein. Gebraucht man aber dieser Würze zu viel / so hält man es für ungesund und dem Mund unangenehm.» Das Salz ist wirklich ein magischer Stoff: Gibt es zu wenig davon in einem Text (oder in einer Speise), so ist er fade. Gibt es zu viel davon, so ist er versalzen. Wenn aber die Dosis genau richtig ist, so wird der Text dadurch überhaupt erst schmackhaft, ohne dass das Salz – also die erbauliche Lehre – als ein eigener Geschmackseindruck noch wahrnehmbar wäre. Es befördert vielmehr alle anderen Geschmäcker.

Sie sehen: Wenn in Bachs Kantate von Sodomsäpfeln die Rede ist, die mit Unflat angefüllt sind, als Symbol für die Heuchelei, so entspricht dies einem barocken Denken vom Innen und Aussen, das vielerlei Gestalten annehmen kann. Und so ist es auch nicht erstaunlich, dass die Barockliteratur von vielen Heuchlern bevölkert ist, die nach aussen hin vorgeben, etwas zu sein, was sie innerlich nicht sind. Die mit «falschem Herzen» unterwegs sind, um noch einmal die Kantate zu zitieren. Einer der grössten Heuchler der Barockliteratur freilich ist Simplicius Simplicissimus. Der Roman von Grimmelshausen ist geradezu eine Art Modeschau der vielen Gewänder, in denen die Heuchelei auftreten kann. Und am lustigsten ist vielleicht eine Episode, die nicht weit von hier spielt, nämlich auf dem Weg nach Einsiedeln. Simplicius begleitet seinen engsten Vertrauten mit Namen Herzbruder, seinerseits ein Ausbund an Aufrichtigkeit, als dieser aus den redlichsten Gründen zu einer Wallfahrt nach Einsiedeln aufbricht. Die Gründe des Simplicius sind nicht ganz so redlich, und er will sich auch gleich zwei Pferde kaufen, um bequem «die Eidgenossenschaft, als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünt, zu besehen». Doch Herzbruder redet ihm diese Flausen sofort wieder aus, und so gehen die beiden in langen schwarzen Röcken und mit Pilgerstäben und Rosenkränzen ausgestattet den Weg von Schaffhausen über Zürich nach Einsiedeln zu Fuss – der eine, indem er unentwegt Rosenkränze betet, der andere, indem er sich an dem herrlichen Land erfreut, das ihm im Vergleich zu dem vom Dreissigjährigen Krieg verwüsteten Deutschland wie das Paradies auf Erden vorkommt: Er ergötzt sich an prächtigen Bauernhöfen, in denen die Ställe voller Vieh stehen, er erfreut sich an den sicheren Strassen, wo die Reisenden unbehelligt ihrer Wege gehen können, und er vergnügt sich an den Wirtshäusern, in denen lauter lustige Leute sitzen.

Nur die Füsse tun ihm schrecklich weh, denn Herzbruder hat ihm aufgetragen, die Schuhe mit Erbsen zu füllen, da eine Wallfahrt ja nicht ohne Leiden zu haben ist. Doch auch hier findet Simplicius einen Ausweg. Herzbruder ist erstaunt über seine Ausdauer und lobt ihn: «‹Bruder, du hast große Gnad von Gott, daß du unangesehen der Erbsen in den Schuhen dennoch so wohl fortkommen kannst.› – ‹Ja›, sagte ich, ‹liebster Herzbruder, ich hab sie gekocht, sonst hätte ich so weit nit darauf gehen können.› – ‹Ach daß Gott erbarm›, antwortet’ er, ‹was hast du getan?›» Deutlicher könnte man den Gegensatz szenisch nicht zuspitzen: Herzbruder und Erzheuchler gehen nebeneinander her, ein wenig wie der Pharisäer und der Zöllner bei Lukas, der eine in echter Leidensbereitschaft und der andere, indem er sich das Leben leichter macht und die Wallfahrt als eine Art weltliche Ergötzungsreise versteht, mag sein Mantel noch so lang und noch so schwarz sein. Dass seine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei, kann man nun wirklich nicht sagen.

Aber lassen Sie mich angesichts dessen noch einmal auf meine Eingangsfrage zurückkommen: «Wer so von innen wie von außen ist» – ist das wirklich ‹nur› ein religiöses Ideal, oder taugt es nicht auch als weltliche Maxime in einer Zeit, die so sehr auf Aussenwirkung bedacht ist wie die unsere?

Es hat mich an der Barockliteratur immer besonders fasziniert, dass sie sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält, sondern die letzten Dinge in den Blick nimmt und eine denkbar radikale Perspektive auf die Nichtigkeit und Vergänglichkeit des Daseins wirft – geradezu manisch darauf fixiert: vanitas vanitatum vanitas. Es gibt ein Sonett von Andreas Gryphius, das zu den schönsten Gedichten der deutschsprachigen Literatur gehört. Vielleicht kennen Sie es:

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

Es ist alles eitel: Das ist eigentlich der Kernsatz des Barock. Was mich daran immer stutzig gemacht und nachdenklich gestimmt hat war, dass diese Eitelkeit so gänzlich gegen mein Sprachgefühl ging. Heute bedeutet das Wort natürlich etwas völlig anderes als damals: Eitelkeit als Gefallsucht und Selbstliebe, als Selbstdarstellung und Selbstbezogenheit. Und daraus ergibt sich eine überaus seltsame Spannung zur barocken Eitelkeit, zur Nichtigkeit alles Irdischen und also auch unseres Daseins. Diese seltsame Spannung gibt mir im Grunde bis heute keine Ruhe: Wie kann eine Bedeutung so in ihr Gegenteil umschlagen? Ist es überhaupt das Gegenteil? Wie hängt die eine Eitelkeit mit der anderen zusammen? Und wie kann es angesichts der einen die andere überhaupt geben? Die Etymologie ist leider nicht sehr hilfreich: «Aus dem bibelsprachlichen Gebrauch alles ist eitel (vgl. (omnia) est vanitas, Vulgata) entwickelt sich die nhd. Hauptbedeutung ‹auf Wirkung bedacht, selbstgefällig›.» Das bleibt letztlich sehr unklar, und vielleicht lässt sich die Spannung zwischen den beiden Formen der Eitelkeit auch gar nicht auflösen. Aber wenn man sie aufeinanderprallen lässt, so zeigen sie ihr wahres Gesicht: Die eine betont unsere Nichtigkeit und die andere unseren «stolzen Eigenruhm», wie es in Bachs Kantate heisst. Und so könnte man sagen: Nicht von innen wie von aussen sein, was ja immer bedeutet, auf Aussenwirkung bedacht zu sein, um «von außen herrlich zu gleißen», geht in die Richtung dessen, was man im modernen Sinn unter Eitelkeit im Sinne der Gefallsucht und Selbstdarstellung versteht. Was aber ist diese Eitelkeit angesichts der Eitelkeit, von der im Barock die Rede ist? Nichts als «Schatten, Staub und Wind», um noch einmal Andreas Gryphius zu zitieren.

Und wie schnell es geht mit dem falschen Herzen! Erinnern Sie sich an die exzessive Chromatik im Eingangschoral? Fast immer, wenn vom «falschen Herzen» die Rede ist, geht die Stimme in Halbtonschritten. Es ist eine Störung der Konsonanz, aber es ist auch ein schleifender Schnitt, mitten ins Herz. Was für ein schönes Beispiel, wie Musik und Literatur einander ergänzen können.

«Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei»: Zum Heucheln braucht es mindestens zwei – einen, der heuchelt, und einen, für den geheuchelt wird. Ob er es durchschaut, ist offen (sofern es nicht Gott ist), vielleicht fällt er ja darauf herein. Aber der, der heuchelt, weiss es bestimmt, er tut es ja mit Absicht und Ziel. Und er muss mit sich selber ausmachen, ob er es vor sich verantworten kann. Das ist der entscheidende Punkt: die Verantwortung vor sich selbst oder, wie man auch sagen könnte, die Selbstachtung. Max Frisch hat einmal in einem Interview, in dem es um gesellschaftliche Heuchelei ging, den Satz gesagt: «Für Selbstachtung muss man schon selber aufkommen.» Dieser Satz leuchtet mir ein wie wenige Sätze, die ich in meinem Leben gelesen oder gehört habe.

Selbstachtung kann einem niemand abnehmen. Die einzige Instanz, die dafür zählt, ist man selbst.

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