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Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei

Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen seit Jahrtausenden die Geschichte der Politik wie der Religion – Bachs entlang dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner entwickelte Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 dient hierzu als zeitloseindringliche Warnung. Über manch eifernde barocke Sprachbilder hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein.

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit…

Kantate zum 11. Sonntag nach Trinitatis, für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe da caccia I+II, Streicher und Basso continuo

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen seit Jahrtausenden die Geschichte der Politik wie der Religion – Bachs entlang dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner entwickelte Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 dient hierzu als zeitloseindringliche Warnung. Über manch eifernde barocke Sprachbilder hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein.

Das Werk im Kirchenjahr

ZUM KIRCHENKALENDER

Perikopen zum Sonntag

Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte.

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet, durch welches ihr auch selig werdet: welchergestalt ich es euch verkündigt habe, so ihr’s behalten habt; es wäre denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift und dass er begraben sei und dass er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen. Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt, gesehen worden. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, darum dass ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die in mir ist.

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet, durch welches ihr auch selig werdet: welchergestalt ich es euch verkündigt habe, so ihr’s behalten habt; es wäre denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift und dass er begraben sei und dass er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen. Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt, gesehen worden. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, darum dass ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die in mir ist.

Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermassen, dass sie fromm wären, und verachteten die andern, ein solch Gleichnis: «Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: ‹Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe.› Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: ‹Gott, sei mir Sünder gnädig!› Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.»

Aufnahmen

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Akteure

Solistinnen und Solisten

Chor

Sopran
Cornelia Fahrion, Simone Schwarz, Noëmi Sohn, Nad Noëmi Tran-Rediger, Alexa Vogel, Ulla Westvik

Alt
Antonia Frey, Laura Kull, Lea Scherer, Jan Thomer, Lisa Weiss

Tenor
Manuel Gerber, Florian Glaus, Klemens Mölkner, Joël Morand

Bass
Jean-Christophe Groe, Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Grégoire May, Philippe Rayot

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Éva Borhi, Péter Barczi, Dorothee Mühleisen, Ildikó Sajgó, Lenka Torgersen, Cecilie Valter

Viola
Martina Bischof, Matthias Jäggi, Anne Sophie van Riel

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Rodrigo López Paz, Clara Espinosa Encinas

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Thomas Strässle

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
25.09.2026

Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produzentin
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Herausgeberin
J. S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Erste Aufführung
8. August 1723 in Leipzig

Textdichter
Unbekannter Dichter
Satz 1: Jesus Sirach 1, 34.
Satz 6: Ich armer Mensch, ich armer Sünder (C. Tietze, 1663), Strophe 1

Entstehung & Vertonung

Heuchelei und auf eigene Rechnung angemasste Sendungsgewissheit durchziehen von jeher die Geschichte der Religion wie der Politik und der Gesellschaft insgesamt. Bachs für den 11. Sonntag nach Trinitatis (8. August) 1723 geschriebene Kantate «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» BWV 179 stellt entsprechend den vorgeschriebenen Evangeliumstext Lukas 18.9-14 ins Zentrum. Um dieses ernste Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner herum entwickeln Bach und sein unbekannter Librettist eine zeitlos-eindringliche Warnung vor Unehrlichkeit und auf bloss äusserlichen Regelvollzug setzende Heilsgewissheit. Über eifernde barocke Sprachbilder wie etwa die innerlich verfaulten «Sodomsäpfel» hinaus verkörpern Text und Musik den Ratschlag zu heilsamer Demut und angemessener Selbstbefragung. Dass Bach den mahnenden Eingangschor später in das Kyrie-Gebet seiner Missa brevis G-Dur BWV 236 verwandelte, könnte darum stimmiger nicht sein. Gleiches gilt für die Sopranarie «Liebster Gott, erbarme dich», die mit neuer Instrumentierung in das textlich und affektmässig verwandte «Qui tollis peccata mundi» der Missa A-Dur BWV 234 einging.

1. Chor

«Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei,
und diene Gott nicht mit falschem Herzen!»

1. Chor

Für den Eingangschor wählt der unbekannte Textdichter das Wort aus Jesus Sirach 1, 34 (einer Spätschrift des Alten Testaments): «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» – eine Warnung vor allem Gottesdienst «mit falschem Herzen». Damit wird das Proprium des Sonntags eingeführt, das mit dem Text vom Pharisäer und Zöllner (Lk. 18) Heuchelei und die rechte Gottesfurcht ins Zentrum stellt. Bach entwirft dafür eine vom Continuo begleitete und von den Instrumenten verdoppelte Vokalfuge alter Art, deren kantabel-bogenförmige Linienführung und gestische Sprachbehandlung dem Satz dennoch eindringliche Modernität verleihen. Dass das Schlüsselwort «Falschheit» als chromatischer Abstieg dargestellt wird, verfehlt seine Wirkung nicht.

2. Rezitativ — Tenor

Das heutge Christentum
ist leider schlecht bestellt:
Die meisten Christen in der Welt
sind laulichte Laodizäer
und aufgeblasne Pharisäer,
die sich von außen fromm bezeigen
und wie ein Schilf den Kopf zur Erde beugen;
im Herzen aber steckt ein stolzer Eigenruhm.
Sie gehen zwar in Gottes Haus
und tun daselbst die äußerlichen Pflichten;
macht aber dies wohl einen Christen aus?
Nein! Heuchler könnens auch verrichten!

2. Rezitativ — Tenor

Das Tenorrezitativ spricht in der Tonlage einer ernsten Mahnpredigt von den meisten heutigen Christen als «laulichte Laodizäer» (jene aus Laodizäa, die gemäss Sendschreiben der Apokalypse Kap. 3.14-16 «lau und weder warm noch kalt» sind) und «aufgeblasne Pharisäer» (wie jener in Lk. 18), welche sich äusserlich tief zum Gebet neigen (wie jener wie Schilf in Jes. 58,5), aber eigentlich nichts anderes als fromme Heuchler sind! Bach fasst diese Generalabrechnung in einen sachlichen Vortrag, der im präzisen Detail Selbstüberhebung und vorgetäuschte Frömmigkeit entlarvt.

3. Arie — Tenor

Falscher Heuchler Ebenbild
können Sodomsäpfel heißen,
die mit Unflat angefüllt
und von außen herrlich gleißen.
Heuchler, die von außen schön,
können nicht vor Gott bestehn.

3. Arie — Tenor

Die Tenorarie widmet sich den Heuchlern nun im Bild der «Sodomsäpfel», jener ungeniessbaren Früchte, die nicht in der Bibel, aber bei Tacitus und bei Josephus genannt sind: Wie jene sähen sie von aussen herrlich aus, innen aber seien sie «mit Unflat angefüllt» – solche Christen können vor Gott nicht bestehen. Der schwungvollen Musik eignet eine inwendige Schärfe, die in leer kreisenden Figurationen das gleisnerische Strahlen erheuchelter Selbstverehrung demaskiert.

4. Rezitativ — Bass

Wer so von innen wie von außen ist,
der heißt ein wahrer Christ.
So war der Zöllner in dem Tempel:
der schlug in Demut an die Brust,
er legte sich nicht selbst ein heilig Wesen bei;
und diesen stelle dir,
o Mensch, zum rühmlichen Exempel
in deiner Buße für!
Bist du kein Räuber, Ehebrecher,
kein ungerechter Ehrenschwächer:
ach, bilde dir doch ja nicht ein,
du seist deswegen engelrein!
Bekenne Gott in Demut deine Sünden,
so kannst du Gnad und Hülfe finden!

4. Rezitativ — Bass

Im Bassrezitativ wird der wahre Christ nach dem Gleichnis des Sonntagsevangeliums Lukas 18 vom demütigen Zöllner gezeichnet: ein «rühmliches Exempel» in seiner Selbstkritik, Busse und Demut. So solle jeder Christ Gott seine Sünden bekennen, um Gottes Gnade teilhaftig zu werden! Mit der sonoren Basslage eines «wahrhaften Christentums» setzt Bachs Musik der «Checkliste» des Mosaischen Dekalogs («Räuber?», «Ehebrecher?») den erlösenden Zusammenhang von Demut und Gnade entgegen.

5. Arie — Sopran

Liebster Gott, erbarme dich:
laß mir Trost und Gnad erscheinen!
Meine Sünden kränken mich
als ein Eiter in Gebeinen,
Hilf mir, Jesu, Gottes Lamm,
ich versink in tiefen Schlamm!

5. Arie — Sopran

Die Sopranarie ist ein Gebet mit der Bitte um Erbarmen, Trost und Gnade: Sünden kränken den bussfertigen Christen, und überaus metaphernfreudig fühlt er sie wie «Eiter in den Beinen» (leider erliegt der Librettist hier der Versuchung, «Gottes Lamm» mit dem gefährlichen «Schlamm» zu reimen). Die über der aparten Klanglichkeit zweier Oboen da caccia ausgespannte Sopranstimme zeichnet das Bild einer zwischen Reue und Hoffnung durchlebten Passion.

6. Choral

Ich armer Mensch, ich armer Sünder
steh hier vor Gottes Angesicht.
Ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder
und geh nicht mit mir ins Gericht!
Erbarme dich, erbarme dich,
Gott, mein Erbarmer, über mich!

6. Choral

Der Textdichter wählt für den Schlusschoral die 1. Strophe des Liedes «Ich armer Mensch, ich armer Sünder» von Christian Tietze (1663), und so finden die Bussgesinnung der ganzen Kantate sowie die darin angemahnte Hoffnung auf Gottes Erbarmen ihre Zusammenfassung. Die selbst für Bachs Verhältnisse dichten und schmerzvollen Durchgänge der Mittel- und Unterstimmen lassen diesen Choral weniger als zuversichtliche Bekräftigung denn als innerer Verzweiflung abgerungenes «vielleicht ja doch» erscheinen.

J. S. Bach-Stiftung Bildmarke
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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

J. S. Bach-Stiftung Bildmarke
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Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.

Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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